Ein Hoch auf die Dialektik!

Erst kürzlich ist Bernd Stegemanns Buch »Das Gespenst des Populismus« im Verlag Theater der Zeit erschienen. Gestolpert bin ich vor dem Kauf über den Untertitel »Ein Essay zur politischen Dramaturgie« und den Verlagsnamen. Beides ungewöhnlich für ein Buch, das sich aktuellen politischen Fragen widmet. Die Spannung stieg, als ich herausfand, dass Bernd Stegemann von Beruf Dramaturg ist und als Professor an die Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin berufen wurde. Man trifft nicht mehr so oft auf eine Verbindung von Politik und Kultur wie sie der Namensgeber der Hochschule vertrat.

Meine so entstandene Neugier wurde nicht enttäuscht, sondern in einem unerwarteten Ausmaß belohnt! Mit einer Sprache weit ab vom üblichen Politsprech nähert sich der Autor dem Thema und überzeugt 

durch historische Kenntnis, saubere Quellen und vor allem durch eine gründliche Analyse auf dem Boden eines dialektischen und historischen Materialismus, die in keiner Zeile den  Duktus der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts atmet. Schon dafür gebührt dem Autor größter Respekt.

Das hier zitierte Nachwort des Verfassers diene als inhaltliche Zusammenfassung zu  Fragen nach Inhalt und Herangehensweise des Autors:

»Im Sommer 2016 fasste ich den Entschluss, ein Buch über den Populismus zu schreiben. Nach einigen Recherchen und Gesprächen wurde mir die große Diskrepanz immer bewusster, die es zwischen den nicht sehr zahlreichen theoretischen Untersuchungen und dem von Monat zu Monat wachsenden Erfolg der Populisten gibt. Das Nachdenken über die Eigenarten des Populismus schien in den immer gleichen drei Definitionen festzustecken: Er gibt einfache Antworten auf komplexe Probleme, betreibt eine Spaltung von Volk und Elite und behauptet, einen direkten Draht zum Volk oder zur Wahrheit zu haben. Zugleich ist auffällig, wie gut sich der Begriff dazu eignet, im politischen Streit instrumentalisiert zu werden. Sobald die eine Seite z. B. Gefühle von Wut und Enttäuschung aktiviert, ruft die andere Seite „Populismus“. Wenn damit das Phänomen erschöpfend beschrieben werden kann, bleibt die Frage, wieso er von der liberalen Mitte wie ein Schreckgespenst gefürchtet wird. Denn das alles gehört doch seit jeher zum Handwerk demokratischer Politiker, die für ihre Partei die Mehrheit erringen wollen.
Offensichtlich machen die neuen Populisten etwas anders als der Mainstream und offensichtlich machen sie im Sinne der Demokratie etwas richtig, wenn z. B. die AfD bei den Landtagswahlen 2016 in Mecklenburg-Vorpommern aus dem Stand heraus mehr Stimmen bekommt als die CDU oder wenn ein Populist zum US-amerikanischen Präsidenten gewählt wird. Was also ist die Ursache für den rasanten Aufstieg einer Politikform, die sich weder durch neue Lösungen noch durch eine besonders gekonnte rhetorische Performance auszeichnet?
Vielleicht liegt das Geheimnis also nicht bei einer verborgenen Qualität der Populisten, sondern bei einem Problem, das im Zentrum der liberalen, offenen Gesellschaften entstanden ist. Die schon am Beginn des 20. Jahrhunderts diagnostizierte „transzendentale Unbehaustheit“, die nicht selten zu den Exzessen des Totalitarismus geführt hatte, scheint in eine neue Phase gekommen zu sein. Offenheit und Freiheit sind für immer mehr Menschen keine hart erkämpften Errungenschaften der Aufklärung mehr, sondern sie sehen darin eine permanente Bedrohung. Und was altmodisch „Entfremdung“ genannt wird, verändert in der Spätmoderne seine Gestalt. Die Tendenz des Kapitalismus, die Reichen zu bevorzugen, von jedem alles zu verlangen und sich nur widerwillig um die Schwachen zu kümmern, hat damit eine neue Stufe erreicht. Mit einem Wort: Das freie Leben ist zur prekären Existenz geworden.
Doch der neoliberale Umbau des Kapitalismus erschöpft sich nicht in seiner globalen Ausbreitung und in der Steigerung von Effizienz, er greift auch, wie sein Name schon sagt, in das Wesen des Liberalismus ein. Einst stand die liberale Weltsicht für die persönlichen Freiheiten des Menschen, die gegen den Zugriff des Staates und die Zumutungen der Gesellschaft bestmöglich verteidigt werden sollten. Der Neue Liberalismus hat diese Eigenschaften enteignet und zum Motor für die Befreiung des Kapitals gemacht. Damit macht er die Tendenz des Liberalismus, die in der Selbstbehauptung des Eigentümers liegt, zur Hauptsache.
Das „Gespenst des Populismus“ versucht, die schwer zu erkennende Form des liberalen Sprechens anschaulich zu machen, um seine paradoxe Funktion für das Kapital und die Menschen zu zeigen. Denn der heutige Populismus ist eine Revolte in der Kommunikation und er protestiert gegen die liberale Form der Öffentlichkeit. Die drei üblichen Definitionen werden dadurch als das erkennbar, was sie sind: Verteidigungsversuche der herrschenden Umgangsformen. Erst wenn man sie in dieser Funktion begreift, geben sie eine konkrete Auskunft: Der Erfolg „der einfachen Lösung für komplexe Probleme“ besteht vor allem darin, dass die Komplexität liberaler Kommunikation zusehends als Technik der Macht erkannt wird. Es wird nicht der einfachen Lösung geglaubt, sondern der Rationalität des besseren Arguments wird misstraut. Der Abstand von „Volk und Elite“ manifestiert sich in jedem einzelnen Sprechakt, der im Duktus des liberalen Populismus erfolgt, und die Aura des „direkten Drahts“ zwischen Populisten und Volk entsteht aus dessen Erschöpfung, die eigenen Probleme immer nur anders erklärt zu bekommen, anstatt dass sie gelöst werden.
Wir stehen also mitten in einem Kulturkampf, der um die Werte der Gesellschaft und die Form der öffentlichen Rede geführt wird. Ob die richtige Seite hierbei gewinnt und welche das überhaupt ist, ist noch nicht zu erkennen. Was man hingegen schon sehen kann, ist, dass die Selbstgewissheit, mit der die liberale Gesellschaft die Privilegien der Eigentümer verteidigt, an ein Ende kommt. Die Prognose lautet, dass in tragischen Situationen wie der zwischen Populismus und offener Gesellschaft beide untergehen müssen, wenn sie es nicht schaffen, die eigenen Widersprüche anders zu lösen als durch die gegenseitige Zerstörung. Was mit dem Vormarsch der Populisten immer deutlicher wird, ist der tatsächliche Widerspruch hinter der Tragödie von Populismus und Liberalismus: Es ist der Klassenkampf zwischen Kapital und Menschheit.«

Zu diesem Ergebnis führen den Leser 5 Kapitel unter den Überschriften »Eine Systemtheorie des Populismus«, »Der Rechtspopulismus«, »Der liberale Populismus«, »Linker Populismus«  und »Das politische Sprechen«. Bernd Stegemann folgt in seinem Schreiben, für mich erfreulich, einem Muster,  der „allmählichen Verfertigung der Gedanken beim Reden«. Es machte mir Freude,  als politische Menschin nach dem Einlesen mit Stegemanns  Begriffen  vertraut geworden, dieser Verfertigung seiner Gedanken zu folgen. Diese Freude dürfte auch diejenigen erfassen, die mit den zugrundeliegenden dialektischen Denkweisen wenig vertraut sind.

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