Humane Pflege

Buch: Die Rückkehr der Diener – Das neue Bürgertum und sein Personal; Christoph Bartmann; München 2016

Das Buch  liest sich zu  Beginn  als sozialkritischer Blick auf entwickelte Gesellschaften. Hochqualifizierte Gutverdiener leisten sich schlecht bezahltes Personal, oft mit migrantischem Hintergrund, um sich von minderwertiger Arbeit zu befreien zu Gunsten von „wertiger Zeit“. Barthmann spannt von da den Bogen zur letztendlich philosophischen Frage nach dem Kern des Menschlichen. „Bekanntlich verschafft sich die Menschheit nicht in diesem historischen Moment, sondern seit geraumer Zeit Entlastung durch Arbeitsteilung und technische Erfindungen. “ [Seite 199/200] Wie ist die Frage zu beantworten aus der Perspektive eines Hilfsbedürftigen, für den die Hilfe eines Roboters besser ist als keine. Aus der Perspektive eines liebevollen Angehörigen, der sich trotz Zuneigung und Verantwortungsgefühl  entscheidet, entscheiden muss, für Babyphon und sensorgesteuerte Überwachungskamera, weil die Zuwendung rund um die Uhr auf Dauer Übermenschliches verlangt.

Jeder empathische Mensch wird auch in Zukunft mit Blick auf die vorhandenen Entlastungsmöglichkeiten entscheiden müssen, was im Rahmen seiner Kräfte liegt. . – Er wird sich genauso wenig vom sozialen Druck derjenigen  befreien können,  die geleitet werden von der hoch entwickelten Ethik des Unbeteiligten, Ungeforderten. Sein eigenes Gewissen wird nicht verstummen.  Ich teile trotzdem die eher zuversichtliche Perspektive des Autors. Jeder Mensch wird auch in Zukunft für Kinder, Eltern, Nachbarn das tun, was er sich zutrauen kann und Hilfe besorgen, wo er sie braucht und bekommen kann. Die Tochter des Nachbarn zum Babysitten,  den Robbi zum Staubsaugen und den Pfleger von „Menschliches Alter“  zum Baden der Schwiegermutter. Aber: Leichter sind  Aufgaben und Entscheidungen  nicht geworden – trotz des enormen Angebots an menschlichen und maschinellen Helfern.

Es ist Materialistinnen nicht verwehrt, aus alten Büchern zu zitieren.  „Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn’s hoch kommt, so sind’s achtzig Jahre, und wenn’s köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen; denn es fährt schnell dahin, als flögen wir davon.“ sagt  Psalm 90:10. Wie Zuwendung wahrnehmbar, erlebbar bleibt, wenn aus Gründen des Fortschritts eigenes Tun dafür nicht mehr nötig sein könnte, lässt Barthmann offen. Er sagt es dialektisch: Man muss aber aufpassen, dass man vor lauter Lebenserleichterung die Qualität des vollen Lebens nicht verfehlt.“ ( S. 200)

 

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