Wer oder was ist eigentlich populistisch?

Die Roten, die Blauen, die Schwarzen, die Gelben, die Grünen?

Leider lässt der Eintrag im Duden zum Stichwort Populismus nicht erkennen, welche Begriffsgeschichte das Wort bis heute hinter sich brachte. Immerhin, schon 1980 wurde das Wort eines Eintrags für würdig befunden. Bis etwa 2005 als eine voreilig vom damaligen Kanzler herbeigeführte „Protestwahl“ das Parteiensystem umstürzte, kannte ich es als Fachbegriff für Herrschaftsstrategien, die dazu dienten, das Volk bei der Stange zu halten, z. B. „Brot und Spiele“.
Unter Mitwirkung der Fachleute von der Bundeszentrale für politische Bildung gelang es danach binnen kurzer Zeit diesem Begriff eine neue Richtung zu geben. Fortan verwendete man das Wort nicht mehr um Herrschaftsstrategien vergangener Zeiten zu benennen oder auch aktuelle, wie die Kombination von RTL 2, gepaart mit dem Schüren von Politikverdrossenheit. Dem Wort wurde ein neuer Sinn gegeben. Es gilt nicht mehr „herrschende Bösewichte kaufen sich ein blödes Volk“, sondern „gewiefte und selbstsüchtige Feinde unserer Demokratie stacheln unbedarfte Massen dazu auf, sich gegen die wohlmeinende Mehrheit zu wenden“. Eine neue Gefahr für unsere Demokratie war geboren: Verführer die den Bürgerinnen und Bürgern in einfachen Worten die Welt erklären wollen, die doch eigentlich nur von den sachkundigen und objektiven Experten des Open Society Fund, der Initative soziale Marktwirtschaft oder der Atlantikbrücke richtig erklärt werden kann.

Anders als erhofft fanden die Rotstrümpfigen von 2005 auch bei den Wahlen 2009 noch großen, beängstigenden Zuspruch. Deshalb gründeten zu den Wahlen 2013 der menschenfreundliche Wirtschaftsführer Olaf Henkel und sein weiser Freund Bernd Lucke die Alternative für Deutschland, berufen die Unzufriedenen zu sammeln, die ihre echte, bissfeste Deutsche Mark wieder haben wollten. Mit nur 6-7 Monaten Vorlauf konnte diese neue Partei trotz großzügiger Finanziers ihr Ziel nicht erreichen, zur Bildung einer über jeden Zweifel erhabenen Regierung beizutragen, die das Volk weiterhin zum Sparen anhalten sollte und überall für Recht und Ordnung sorgen. Unsere arme Kanzlerin wurde 2013 in eine unglückliche große Koalition getrieben und wäre seitdem beinahe zwischen SPD und CSU zermalmt worden. Aber: Wenn die Not am größten, ist Gottes Hilf am nächsten.
Nachdem unsere allerliebste Kanzlerin die Zahlungen für Lebensmittel in den Lagern für Flüchtlinge aus dem syrischen Bürgerkrieg, wahrscheinlich wegen klammer Kassen, beim besten Willen nicht rechtzeitig überweisen konnte, machten sich die Hungernden 2015 auf den Weg, um ihre Unterstützung persönlich abzuholen. Unsere Kanzlerin hieß sie zunächst willkommen, war aber gleichzeitig froh, dass ihre Freunde in der CSU und in der AfD ihre Stimme erhoben, um auf die Belastungsgrenzen unseres Landes hinzuweisen. Das verschaffte ihr zeitlichen Spielraum für die Vorbereitung von Gesetzen, die eine „Bartholomäusnacht“ für die versehentlich eingelassenen Fremdlinge möglich machen. Zum dritten Mal in Folge kann der schwäbische Chief Accountant der Deutschland AG einen zweistelligen Milliardenüberschuss vermelden. Er legt das Geld beiseite, damit in den nächsten Jahren genug da ist, wenn wieder Hungrige kommen, die unsere Kanzlerin zwar liebt, die aber besser von den Kommunen verpflegt und untergebracht werden sollen, damit der Schwabe mehr sparen kann. Der will sein Erspartes niemandem geben. Nicht den Einheimischen und auch nicht den Zugezogenen. Erst Recht nicht denjenigen, die nicht kommen, sondern mit ein bisschen Hilfe da bleiben könnten, wo sie sind.
Nun stehen wieder Wahlen an. Der Koalitionspartner hat sich leider als politisch extrem ungeschickt erwiesen und es ist offen, ob Mutti mit seiner Hilfe ihr viertes Kabinett bilden kann. Nur durch eine meisterliche Kommunikationsstrategie kann es gelingen, alle gutgläubigen, vertrauensseligen, postfaktischen Bürger an die Urnen zu bringen. Wie praktisch, dass da rechtzeitig das Wort „Populismus“ wieder ins Spiel gebracht werden kann. Die unserer Mutter Angela übel wollenden bösartigen Männchen mit den roten Socken und die unsere demokratischen Werte gefährdenden Blauen können gemeinsam mit dem gleichen Fluch aus dem Zauberbuch belegt werden. Das ist bedeutend einfacher, als sich für die Anhänger zweier politischer Konkurrenten auf unterschiedliche Art überzeugende Argumente zurechtzulegen.

Den hier beschriebenen Abläufen liegt keinerlei politisches Kalkül zugrunde. Dazu ist unsere gute Mutter gar nicht fähig. Auf dem durchgehenden Pferd, das durch die für sie undurchschaubare Welt galoppiert, hält sie sich so gut es geht am Sattelknauf fest. Von einem an die Bewegungen des Pferdes angepassten Aussitzen kann nicht mehr die Rede sein. Nur ihre gutwilligen, vertrauenswürdigen Freunde des Zentrums können sie noch retten. Sie werden mit ihr die vom Schwaben ersparten Gelder verteidigen und die Werte der Deutschen Bank, von RWE, der Deutschen Bahn und des VW-Konzerns. Für den Fall, dass böse Zufallsergebnisse wie in England oder Amerika im September das Weiterregieren der GroKo verhindern, haben Merkels kleine schwarze Männchen Kontakt zu ihren Freunden unter den blauen Alternativen aufgenommen. Mutter Angela wird Deutschland, Europa und die Welt retten können. Ist das nicht schön?

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