Das Sektenwesen – Buchempfehlung

Das Bild stammt von Hanno Böck und zeigt Robert Kurz auf dem attac Kapitalismus-Kongress 2008.

Robert Kurz; DIE ANTIDEUTSCHE IDEOLOGIE; Vom Antifaschismus zum Krisenimperialismus: Kritik des neuesten linksdeutschen Sektenwesens in seinen theoretischen Propheten; Unrast Verlag; 2003

Dass ich mich 2017 im Vorfeld des Bundestagswahlkampfs veranlasst sehen würde, zu einem Buch zu greifen, das sich mit den »Antideutschen« auseinandersetzt, wäre mir angesichts des seltsamen, bemüht intellektuellen Jargons der Korinthenkackerinnen auf einer PDS-Landesmitgliederversammlung in Bayern (2005?) nicht  in den Sinn gekommen. Anders als von mir erwartet hat sich diese Art linker Marotten, so sah ich es damals, nicht verwachsen oder verflüchtigt, sondern der Einfluss dieser lose miteinander verbundenen Gruppe nahm zu.

Robert Kurz schrieb 2003 in seinem Vorwort : »Dieses Unternehmen geht mit einer perfiden geschichtspolitischen Strategie einher, die das Grauen von Auschwitz dafür instrumentalisiert, die proimperiale Konversion der Antideutschen abzusichern und die radikale Linke in pseudo-moralische Geiselhaft zu nehmen. Das ist allerdings nur möglich, weil diese Linke auch mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem Ende des Dritten Reiches den Zusammenhang von Kapitalismus, Antisemitismus und deutscher Geschichtskatastrophe noch immer nicht ausreichend geklärt hat. Daß der begriffliche Apparat des traditionslinken Denkens an dieser Aufgabe scheitert, wird von den Antideutschen ausgenutzt, um den NS von der Modernisierungsgeschichte abzulösen und die bürgerliche Subjektform zu verteidigen.
Eine konsequente Kritik der antideutschen Ideologie ist also deshalb gefordert, weil in diesem Denken exemplarisch der begriffliche Verfall und die analytische Insuffizienz einer obsolet gewordenen linken Theoriegeschichte zum Vorschein kommen. Es geht darum, ob die Weichen in der radikalen Linken der BRD für eine Erneuerung emanzipatorischer Kritik über das arbeiterbewegungsmarxistische Paradigma hinaus gestellt werden – oder für einen endgültigen Rückfall in die Affirmation kapitalistischer `Vernunft´ und `Zivilisation´, die nichts anderes darstellt als den Interessenstandpunkt des männlichweißen westlichen Metropolensubjekts in der Weltkrise des modernen warenproduzierenden Systems.«

2017 gibt es Anlass zu befürchten, dass die Vor-,  Mit- und Nachläufer dieses »neuesten linksdeutschen Sektenwesens«, wie Robert Kurz es nennt, in den anstehenden Krisenjahren dazu beitragen werden, dass die Profitinteressen die Oberhand behalten. Drohende autoritäre Antworten auf die Krise des kaptalistischen Weltsystems ( → Immanuel Wallerstein) dürfen wir nicht zulassen. Die antideutsche Ideologie erschwert nicht allein wegen ihrer ideologischen Dummheit sondern auch wegen ihrer politischen Blindheit in hohem Maß das Bilden handlungsfähiger inhaltlicher Mehrheiten gegen Profit und Profiteure. Ich muss mich notgedrungen mit ihnen auseinandersetzen.
»Es hat einige Überwindung gekostet, dieses Buch zu schreiben.« So beginnt  Robert Kurz seinen Band von 276 Seiten. Heute, im Januar 2017, geht es mir ähnlich. Über diesen Link ist eine Art Zusammenfassung, erreichbar: geraffte Darstellung des Inhalts     Lesende mögen mir eine möglicherweise fehlerhafte Diktion nachsehen. Sie ist die Folge einer Übersetzungsanstrengung.

In drei Abschnitten setzt sich Robert Kurz mit dem auseinander, was er `antideutsche Ideologie´ nennt. …

Er argumentiert hauptsächlich auf der Grundlage von Texten von Joachim Bruhn und nicht namentlich gekennzeichneten Beiträgen der  Initiative Sozialistisches Forum (ISF – zu finden über http://www.ca-ira.net/ ). Seine Interpretation und Argumentation wird durch zahlreiche in den Text eingebundene Quellen ausführlich belegt. Ob man sie immer teilt sei dahingestellt, für mich sind sie jedoch nachvollziehbar und einleuchtend.
Das Buch verlangt von den Lesenden einigen Aufwand des Hineinlesens. Selbst wenn man über grundlegende Kenntnisse von Marx, Hegel, der Frankfurter Schule, Adorno und der kritischen Theorie verfügt wird man an manchen Stellen innehalten, und gründlich nachdenken müssen, was mit den verwendeten Begriffen genau gemeint ist.
Robert Kurz belohnt den Leseaufwand mit einer in sich schlüssigen, für mich überzeugenden, Kritik der grundlegenden Denkfehler, die Menschen leiten, die einen durch Tortenwürfe überraschen, nicht nachvollziehbare Antisemitisvorwürfe erheben und bei Rundfunkanstalten, Bildungseinrichtungen, politischen Organisationen, Veranstaltungen ihre Gegner als Antisemiten denunzieren in der Absicht sie persönlich zu beschädigen, nach Möglichkeit auch die einladenden Organisationen.
Es ist unter anderem das erwähnte denunziatorische Verhalten, das ich als grob unanständig empfinde, welches mich dazu gebracht hat, mich mit dieser Sekte etwas genauer zu beschäftigen.
Vor allem in sozialen Netzwerken profilieren sich Menschen dieser Denkungsart häufig als Diskussionteilnehmer die andere in Einwortsätzen disqualifizieren und sich als Besitzer ewiger Wahrheiten ausgeben. Argumente kann man ihnen auch durch höfliche Nachfragen nicht entlocken. »Das ist so. Basta.« Wissenschaftlichkeit ist etwas anderes!
Ich fragte mich, welche Überlegungen Menschen leiten, die so mit anderen umgehen. Es muss für ein solches Verhalten ja eine Motivation geben, die einen zum überzeugten Kämpfer für eines Sache macht, der zu derartigen Mitteln greift. Es gibt darauf zwei mögliche Antworten: irrationales Sektierertum oder theoretisch-philosophische Überlegungen, die das Handeln als moralisch gerechtfertigt erscheinen lassen. Gegen Sektierertum ist kaum etwas zu machen.
Was viel schlimmer ist: Die Menschen dieser Denkungsart legitimieren im politischen Bereich Kriege, vorausgesetzt sie werden von den Richtigen und in richtigem Interesse geführt. Das ist nicht meine Vorstellung von dem was links ist. Linke versuchen das Leiden in und an der Welt zu begrenzen, einzudämmen und rechtfertigen unnatürliche Todesfälle nicht durch einen Verweis darauf, dass diese Menschen entweder für das Richtige gestorben sind (Helden)  oder bedauernswerte Opfer leider notwendiger Handlungen (Kollateralschäden) wurden.
Da Menschen grundsätzlich einsichtsfähig sind, gehe ich – wenn ich das Problem für bedeutsam halte – der Frage nach, wie es zu Positionen kommt, die zweifelsohne geeignet sind, Leiden zu steigern – nicht dazu es zu vermindern. Gibt es Fehler in der Wahrnehmung, eine gewisse Dickfelligkeit? Sind die Schlüsse aus diesen Wahrnehmungen richtig? Gibt es versteckte Machtmechanismen, die dazu verleiten, wider besseres Wissen falsches zu behaupten? Welche konkreten Sachverhalte, Zustände, Prozesse werden mit Begriffen verbunden? [ Die Zahl der eventuell dazwischen liegenden Meta-, Supermeta- , Extrasupermeta-Ebenen … darf einen dabei nicht schrecken. ]
Die Frage, wie Antideutsche ticken, Menschen, die glauben Rechtfertigungen für Leiden gefunden zu haben, wird von Robert Kurz beantwortet,  in sehr vielen Punkten schlüssig beantwortet. Ich komme nach der Lektüre nicht umhin, die Antideutschen für gefährlich zu  halten, nicht für eine Horde fehlgeleiteter Spinner. Um die politischen Schlüsse daraus, werde ich mich an anderer Stelle kümmern (müssen).

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