Mein gerechter Zorn

Beitragsbild: By Soluvo (talk) (originally created by Julian Claus), via Wikimedia Commons

Heute hat er mich gepackt, der gerechte Zorn. Hier ist meine überarbeitete Antwort zu lesen an einen, der meint, die Annahme widersprüchlicher Klasseninteressen sei ein alter Hut. Er ist ja leider nicht der einzige „aufgeklärte Bürger“, der damit hausieren geht.

Die Grundfrage ist die Aneignung der erwirtschafteten Überschüsse. Die gesellschaftlich, d. h. unter Beteiligung mehrerer/vieler Menschen erwirtschafteten Überschüsse werden nämlich privat angeeignet. Kein Mensch hat etwas gegen Investitionsrücklagen, die real dann auch reinvestiert werden, um z. B. technische Erleichterungen zu erzielen, die dann auch wieder allen zugute kommen könn(t)en, z. B. in Form einer verkürzten Arbeitszeit.  Dies kennzeichnet aber nicht den gegenwärtigen finanzmarktgetriebenen Kapitalismus. Gegenwärtig wird in Deutschland so gut wie nicht investiert. Die großen Konzerne investieren kaum, sondern erzeugen in ihren Bilanzen Überschüsse durch das gemeinschaftliche Zocken u. a. mit Hilfe der Deutschen Bank während kleinere, mittelständische Unternehmen und Handwerksbetriebe  nicht einmal die geringen Kredite bekommen, die sie zur Ersetzung ihres überalterten Maschinenparks dringend benötigen.

Es gibt nicht „mittlerweile“ Unternehmen, bei denen die Mitarbeiter Miteigentümer sind, sondern ähnliche Modelle gibt es seit mindestens 200 Jahren, vor allem in der Nahrungsmittelproduktion und -verteilung. Sie heißen Genossenschaften. In Genossenschaften gibt es nicht allein Boni als ertragsbezogene Lohnbestandteile, sondern Mitwirkungs- und Mitentscheidungsrechte der Gesamtheit der Besitzer.  Es gibt Genossenschaften  auch in der Energieproduktion und -verteilung. Man dreht aber zur Zeit  mit aller Gewalt an den Stellschrauben, damit dadurch die Renditeerwartungen der „Großen 5“ nicht gefährdet oder gar enttäuscht werden. Das reicht bis hin zu staatlichen Garantien für die Übernahme sämtlicher Betriebsrisiken, die eine bestimmte Höhe übersteigen (Atomindustrie).

Was ist ein „neues Weltbild“ anderes als eine neue, anders akzentuierte Ideologie?  Die Ablösung eines überholten wissenschaftlichen Weltbildes durch eine genaueres, differenzierteres Weltbild ist etwas völlig anderes, als die Behauptung, dank eines entwickelten Kapitalismus und einer – ohnehin nur  angeblich allgemein verbindlichen Anerkennung der UN-Charta –  ginge es menschlicher und gerechter zu, denn je zuvor. Diese Behauptung ist empirisch nicht nur anfechtbar, sie widerspricht völlig der  Realität menschlicher Existenz auf unserem Planeten Erde.

„Die Geschichte beweist, dass das kommunistische, leninistische oder gar stalinistische Modell auch nicht funktioniert. So lange man die „worker“ als Klasse sehen bleibt, wird sie auch eine Klasse bleiben.“ schrieb ein gewisser KvS in einem Post. Mit diesem Satz wird  eines belegt: Mangelhaftes Interesse daran, Alternativen zu einem Wirtschaftssystem zu (er)finden, das gegenwärtig an seine materiellen Grenzen stößt. Sonst bräuchte man sich in der Argumentation nicht auf die Rückständigkeit politischer Praxen beziehen, deren Ableben bei uns außer  geschätzt 250 Mitgliedern der KPD/ML niemand in Frage stellt oder gar bedauert.

Es ist blanke Ideologie, so zu tun als gebe es keine widerstreitenden materiellen Interessen, so zu tun als befinde sich die Menschheit in einem Zustand, in dem menschenrechtlicher Papierbrei sämtliche materiellen Privilegien, die Ausnutzung von Abhängigkeitsverhältnissen zum eigenen Nutzen, die Herrschaft von Menschen über Menschen auf der Grundlage materieller Vorrechte nicht nur überdeckt, sondern beseitigt habe. Sind es keine Menschen, die in Asien, Afrika und Lateinamerika buckeln, damit unsere zukünftig ach so menschliche Industrie 4.0 funktioniert? Wer im Zeitalter weltumspannender Waren- und Finanzströme die Menschheit reduziert auf Kerneuropa oder vielleicht G 8 oder G 20, der ist so etwas von antiquiert, antiquierter geht es nicht.

Ich zitiere Prof. Dr. rer. pol Gerhard Armanski  (zur Information: http://www.armanski.de/ ):

 „Bis heute hat die Menschheit keinen Begriff von sich selbst. Die übergroße Mehrzahl denkt und lebt lokal, allenfalls regional. Es sind nur wenige Prozent, deren Bewusstsein eine globalisierte Welt um- und erfasst. Während die Globalisierung der Waren- und Geldströme ein verdichtetes Zirkulationsnetz ungeahnten Ausmaßes geschaffen hat, reißen sich erst jetzt Menschen in großer Zahl von ihren Lebensräumen los bzw. werden durch Krieg und Not von ihnen fort getrieben. Bilder und Berichte zeugen von der Tragödie der Flucht. Die sich aufmachen sind gut über das Leben in reichen Gegenden informiert und versuchen, dem Gefälle eines Wohlstands aufwärts zu folgen, dessen Entwicklungsstand sich neben internen Faktoren nicht zum Geringsten der Ausplünderung, Ausbeutung und kriegerischen Verwicklung eben jener Lebensräume verdankt.“ 

Wer die Scheuklappen abnimmt, und nicht allein auf die Hilfsbedürftigkeit derer schaut, denen es gelingt hier anzukommen, sieht auch die materiellen Gründe für  ihre Wanderungen. Dabei geht es um wirtschaftliche Interessen! Nicht um „Ideologien“ und auch nicht um geographisch unwirtliche Verhältnisse. Die Menschenrechte schützen real max. vielleicht 15 % der Weltbevölkerung,  vorausgesetzt man ist überzeugt, dass in Europa, Nordamerika, Australien, Japan Hunger wirklich ausgestorben sei!!!  Mir geht das  Gefasel „moderner“ Linker auf den Keks, deren Horizont den von Frau Merkel nicht übersteigt, weder den geographischen noch den historischen.  „Uns geht es gut.“ Wer ist „uns“?

Uns geht es gar nicht gut: Ein großer Teil der Menschheit hungert oder trägt unter schlimmsten Bedingungen seine Haut zu Markte. Die Zahl der Hungernden, der Landlosen, der von unseren Abfällen und für unsere Rohstoffe Vergifteten wächst tagtäglich, ja stündlich! Dass uns in nicht so sehr ferner Zukunft die Luft ausgeht, ist eine reale Gefahr. 

Klasseninteressen, widersprüchliche Interessen sind ein überholtes Konzept?  Es mag irgendwann für diese Probleme technische Lösungen geben, die allen Menschen zur Verfügung stehen . Wie viele von uns werden elend krepieren, bevor es so weit ist? Alles  von Privilegien unabhängige vertretbare Kollateralschäden?

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