Arbeit oder Alimentation?

By Jamain (Own work) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) or CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons]

A. Wert und Notwendigkeit menschlicher Arbeit

I.

Ob bezahlt oder nicht: Sich aus eigener Kraft über Wasser halten zu können, ist der Kern menschlichen Selbstwertgefühls. Das kann bezahlte Arbeit sein, muss es aber nicht. Erkennbar wird dies an  Extrembeispielen. Gelegentlich stößt man auf Nachrichten dieser Art: „Peter S., der sich über Jahre durch  Einbrüche in ländliche Anwesen über Wasser gehalten hat, konnte nach der zufälligen Entdeckung seines Unterschlupfs im Forst von Hinterhimpfelshofen festgenommen werden.“ Peter S. hat immer nur das gestohlen, was er sich nicht selbst verschaffen konnte:  mal waren es Eier, ein Hemd, eine Decke oder ein dicker Mantel. Peter S. war durch ein ihn überwältigenes Ereignis „aus der Bahn“ geworfen worden. Peter S. hatte in dem festen Willen, weitestgehend ohne andere Menschen auszukommen, deren Mitleid ihm lästig war, die von ihm etwas verlangten, was er nicht geben konnte oder wollte, seinen „Lebensstandard“ abgesenkt, hatte sich mit dem Wasser eines Baches und im Winter mit Schnee leidlich sauber gehalten. Er find hie und da ein Tier zum Essen und sammelte im Sommer, was sich in der Natur anbot. Er wärmte sich am Feuer des gesammelten Holzes. Leute, dahinter steckt Arbeit imursprünglichsten Sinn. Peter S. wurde tätig, um sein Überleben zu sichern. Wenn man aus irgendeinem Grund, einen großen Bogen um andere Menschen machen will, kann man so überleben – ohne Sozialversicherungsnachweis, ohne ärztliche Versorgung, ohne Lohnarbeit, ohne lästige, „mitfühlende“ Nachbarn. Aber nicht ohne Arbeit: Tiere fangen, Beeren sammeln und Holz, der Bau des Unterstandes, das alles ist Arbeit. Und für Peter S. wahrscheinlich auch der Weg ins einzeln stehende Gehöft, um sich das zu verschaffen, was er trotz aller Anstrengung nicht selbst herstellen konnte. Peter S. wird im allgemeinen geschildert als ein zufriedener, ausgeglichener Mensch, der es genossen hatte, in der Dämmerung vor seinem Unterstand zu sitzen, voller Vorfreude auf das Erlebnis eines Sonnenuntergangs am Ende eines wolkenlosen Sommertages.

Ich glaube nicht, dass ein Staat und seine Behörden das Recht haben, Peter S. in einer psychiatrischen Einrichtung des Bezirks mit der Möglichkeit einer täglichen warmen Dusche und 3 regelmäßigen Mahlzeiten zu beglücken oder ihn zum Schutz der evt. zukünftig von seinen Diebstählen Bedrohten einzusperren.

II.

Untätige, nicht arbeitende Rentnerinnen und Rentner sind selten. Es wird gerne als Hobby bezeichnet, aber die Tätigkeiten sind in aller Regel sinnvolle Beiträge zur materiellen Existenz der anderen, der eigenen Familie oder einer öffentlichen Einrichtung, wenn jemand, der es „eigentlich nicht mehr bräuchte“ Socken strickt, im Kindergarten vorliest, die Fahrräder der Enkel repariert, wenn nötig bei Bauen eines Gewächshauses hilft … . Dieser Beitrag zur Existenz anderer wird in aller Regel nicht bezahlt, ersetzt aber „geldwerte Arbeit“. Ist manchmal sogar besser als diese, denn so warme und haltbare Socken wie die von Oma sind in einem Laden nicht zu kaufen. Wenn, dann als „echte Handarbeit“ nur für relativ viel Geld.

III.

Die von uns allen beklagte Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft durch die Besitzer der nötigen Produktionsmittel funktioniert nicht allein deshalb so gut, weil – wie Marx richtig bemerkt hat – die Menschen ihre Arbeitskraft verkaufen müssen. Sie funktioniert auch deshalb so gut, weil fast alle Menschen lieber stolz darauf sind, mit wenig Geld zurechtzukommen und für wenig Geld einer sinnvollen Beschäftigung nachzugehen, als sich von Beschäftigten der Arbeitsagentur in sinnlose Kurse zwingen zu lassen oder zu ebenso sinnlosen Bewerbungen. „Hauptsache, ich habe Arbeit.“ Das ist der Kernsatz. Wer Arbeit hat, muss sich nicht vorschreiben lassen, was er sonst zu tun hat. Keiner kann ihm hineinreden, ob er sein Geld spart, versäuft oder es in Unterhaltungslektronik investiert. Für die Einordnung in die Zwänge der abhängigen Arbeit erhält er Entscheidungsspielräume, die nicht ganz zu Unrecht  auch als Freiheit empfunden werden. Diese als  moralisch anfechtbaren „Konsumzwang“ zu denunzieren ist nicht ganz richtig.

IV.

Es sollte uns auch ein paar Minuten des Nachdenkens wert sein, welches Motiv hinter der Ablehnung einer Zuwanderung konkurrierender Arbeitskräfte steckt. Ist es wirklich der von einigen Leitdenkern konstruierte und politisch instrumentalisierte Rassismus und Nationalismus, die moralisch anfechtbare Abwertung anderer Menschen wegen ihrer Abstammung oder Herkunft? Könnte nicht eine durchaus nicht unbegründete Angst das Motiv der Ablehnung sein, Angst davor, dass nicht genug Arbeit für alle da sein könnte?  Derartige Ängste waren schon vor Jahrhunderten der Hintergrund so mancher Kirchweihschlägerei zwischen den Handwerkerkolonnen, die umherzogen um an anderen Orten Häuser zu bauen. Noch ohne Kapitalismus und Rassismus/Nationalismus.

V.

Erst wenn Menschen jede Möglichkeit genommen ist, sich und ihre Familien durch Arbeit über Wasser zu halten, entstehen größere Wanderungsbewegungen. Die Ursachen für diesen Verlust der Arbeitsmöglichkeit können vielfältig sein: Kriege, Naturkatastrophen, Umweltveränderungen, Verfolgung. Die politischen Verhältnisse müssen schon extrem verschlechtern, damit Menschen sich zum (Aus-)Wandern entschließen. Die den Menschen innewohnende Tendenz zur Sesshaftigkeit hat die meisten rassisch Verfolgten dazu bewogen, zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Land zu bleiben – so lange im Land zu bleiben, bis es für die meisten in den sicheren Tod führte. „Es könnte schlimmer kommen“ ist zwar auch ein Ausdruck von Befürchtung und Bedrohung, aber gleichzeitig eine Ermunterung, sich mit einer aktuell schwierigen Situation abzufinden, die aber überwunden, überstanden werden kann. Nur wenige ahnten schon vor 33, dass es für sie lebensgefährlich werden würde. Mit der Verabschiedung der Rassegesetze schlug die Stimmung um, und der Zwang das Land zu verlassen, machte die Arisierung jüdischen Vermögens nicht allein möglich, sondern für die Auswanderungswilligen auch erforderlich.

B. Die materialistische Perspektive

Aussagen wie die religiöse „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen.“, die moralische „Müßiggang ist aller Laster Anfang“ oder die politisch-gesellschaftliche „Wer nicht arbeitet, darf auch nicht essen.“ sind allesamt Ausdruck der Notwendigkeit alles Lebendigen, den Stoffwechsel aufrecht zu erhalten. Menschen, die aus psychischen oder organischen Gründen den Aufwand einstellen, Nahrung und Wasser zu sich zu nehmen, verfallen und sterben. Alle religiösen, moralischen, politischen Übereinkünfte sind Folge dieser Überlebensnotwendigkeit. Lebendiges überlebt nicht, weil es moralischen Antrieben folgt, die ihm innewohnen. Es überlebt, weil es den Stoffwechsel aufrecht erhält, nicht wegen seines protestantischen Arbeitsethos. Es ist eine den materiellen Prozessen nachgeordnete , gesellschaftliche, vernünftige, moralische Einsicht, dass dazu Arbeit nötig ist – die eigene oder die fürsorgende Arbeit anderer. Wer auch immer Geschwätz darüber entfaltet, ob es ein Recht auf Faulheit gibt, eine Befreiung von der Lohnarbeit nötig ist, die Arbeit anders verteilt werden muss, „fair“ bezahlt werden muss bewegt sich in einem gedanklichen Raum, der von Menschen, ihrer Vernunft, ihren gesellschaftlichen Beziehungen, ihren individuellen Interessen geprägt ist. Die Anerkennung der Notwendigkeit von Handlungen zur Aufrechterhaltung des Stoffwechsels der Individuen und der Spezies ist jedoch unverzichtbar. Wer solche Handlungen willentlich verweigert – aktiv oder passiv – tötet sich selbst, abhängig von den gesellschaftlichen Übereinkünften möglicherweise auch andere.

Das Überleben der Spezies kann nur durch die Aufrechterhaltung des Stoffwechsels der Individuen gesichert werden. Dazu sind sowohl individuelles als auch abgestimmtes kollektives Handeln nötig. Hinsichtlich dieser Notwendigkeit bedarf es zunächst keiner elaborierten theoretischen Debatte. So funktioniert auch eine Kolonie von Pavianen. Der Kapitalismus ist entwicklungsgeschichtlich erst ziemlich spät auf den Plan getreten, und wir sollten deshalb den notwendigen Überlebensaufwand, die Arbeit, nicht von Anfang an als Ausbeutung oder entmenschlichenden Zwang begreifen.

C. „Links“ und „Rechts“

I.

Die Möglichkeit, sich auf Grundlage der Arbeit anderer persönlich zu bereichern, ist historisch gewachsen. Ich möchte hier darauf verzichten, die Ausnutzung dieser Möglichkeit moralisch zu bewerten. Ob und in welchem Umfang diese Bereicherung zugelassen wird, ist jedenfalls eine Frage der gesellschaftlichen Übereinkunft. Dass diese Übereinkunft unter Berücksichtigung aller individuellen Interessen getroffen wird, ist in einer Demokratie zwingend. Es gibt allerdings keine Garantie dafür, dass sich die vielen Schwachen gegen die wenigen Starken durchsetzen. Es ist nicht selten, dass es den Starken gelingt, Unterstützung zu finden für die Ansicht, wer zu schwach ist, sei halt selbst schuld. Die letztgenannte Ansicht halte ich für rechts – die Ansicht Schwächere hätten einen Anspruch auf Schutz für links.

II.

Solange uns nicht nicht die gebratenen Tauben in den Mund fliegen, halte ich es für gerechtfertigt, allen Mitgliedern der Gesellschaft einen Beitrag in Form von Arbeit abzuverlangen, solange kein unmittelbarer Zwang ausgeübt wird. Arbeitslose Einkommen halte ich für ungerecht, unfair – vorausgesetzt der Einkommensbezieher ist tatsächlich in der Lage einen Beitrag zu leisten. [ Auch hier wird offenbar wie wichtig die Arbeit für das Selbstwertgefühl ist. Es wird allgemein anerkannt, dass – völlig unabhängig von der Produktivität – die Arbeit mental oder physisch eingeschränkter Menschen ein Element gesellschaftlicher Teilhabe darstellt und evt. sogar durch „Draufzahlen“ gefördert werden muss.]

Teilhabe durch Arbeit zu ermöglichen, ist links. Arbeitsbeiträge als überflüssig anzusehen, zu verhindern oder abzulehnen, weil sie nicht ertragreich genug sind, halte ich für rechts.

III.

Eine politische Linke, die nicht die Forderung nach existenzsichernder Arbeit ins Zentrum stellt, sondern sich mit Moos [Almosen]zufrieden gibt, für diejenigen mit denen nicht viel los ist, eine solche Linke hat de facto mit der bürgerlichen Ideologie, mit der Seite der Käufer der Ware Arbeitskraft ihren Frieden geschlossen. Hinter allem Bemühen um soziale Teilhabe, steuerliche Umverteilung, Keynesianische Vierecke lugt die Missachtung der Arbeit hervor, die Missachtung der Menschen, die ihren Beitrag erbringen wollen, auf dem aktuellen Stand der von den Besitzenden bestimmten Technologie aber nicht erbringen können und deshalb auch nicht dürfen. Auch wer Menschenrechte reklamiert, zementiert so ein Menschenbild in dem der Nützlichkeitsaspekt tragender Bestandteil ist.

Eine solche Linke verliert potentielle Unterstützer an die Sektion der Nichtwähler. Diese werden sich später bei der erstbesten Gelegenheit einer Gruppierung zuwenden, die sie für geeignet halten

a) ihren Protest gegen die herrschenden Verhältnisse zu transportieren

und die

b) zumindest in ihrer vordergründigen Argumentation – wenigstens die nationale Arbeit wertschätzt und vor fremder Konkurrenz schützt.

Die reale Notwendigkeit der Arbeit, die Wertschätzung jeden Beitrags und die Achtung vor den Menschen, die ihn erbringen, verschwindet gerade unter Linken häufig hinter den Schwaden vernebelnder Argumentationsketten aus allen beteiligten Wissenschaften. Die Repräsentanten der Linken ergehen sich nur allzu gerne in moralischen Appellen an die Herrschenden, doch den angeblich angeborenen Menschenrechten – nicht den über die Jahrtausende angefochtenen, um- und erkämpften Rechten der Menschen – Geltung zu verschaffen. Die Menschen der niederen Stände mögen als ungebildet erscheinen – aber sie leiden weder unter Wahrnehmungsstörungen noch unter schwerwiegenden Mängeln der Empfindsamkeit. Der Mensch an sich, der Mensch ohne Mittlere Reife und Abitur, ist weder dumm noch unempfindlich.. Belehrende Attitüde und Zufuhr bürgerlichen Moralins sind in der Regel überflüssig.

Folgerungen aus A, B und C:

Gemeinsam mit allen Menschen, deren Arbeit zur Zeit missachtet oder für überflüssig erklärt wird, fordern wir

Vollbeschäftigung

Wir verstehen darunter die existenzsichernde Respektierung des Arbeitswillens und des Arbeitsvermögens aller bei uns lebenden Menschen bei der vorrangigen Erfüllung folgender gesellschaftlich anstehenden und zu bewältigenden Aufgaben:

  • Betreuung und Pflege sehr junger, kranker oder alter Menschen
  • Bereitstellung von Energie, Bau und Wartung energietechnischer Anlagen auf der Grundlage regenerativer Energieträger
  • Nutzung des Bodens für eine bedarfsgerechte und giftfreie Produktion von Nahrungsmitteln
  • Bau und Erhalt neuer Wohnungen mit geringstmöglichem Energiebedarf
  • Bau und Unterhalt von Verkehrswegen und Kommunikationseinrichtungen
  • alle Formen des Sammelns, Aufarbeitens und Bereitstellens von Gütern aus wieder verwendeten Stoffen
  • Gestaltung des öffentlichen Raumes und Schaffung eines angenehmen und funktionierenden Wohnumfeldes (Spielplätze, öffentliches Grün, Straßen und Plätze )
  • Befähigung der nachwachsenden Generation(en) zu einem zielorientierten gesellschaftlichem Miteinander

Zur Finanzierung verlangen wi:

  • die Heranziehung der Gelder/Vermögenswerte, die dem Fiskus seit der Absenkung des Spitzensteuersatzes, der Abschaffung der Vermögens- und Erbschaftssteuer und der Abschaffung sämtlicher Regelungen des Kapitalverkehrs entgangen sind.

Eine Mehrbelastung von Einkommen aus Arbeit unter …. Euro durch eine Erhöhung von Verbrauchssteuern, Einkommensteuer und höhere Sozialbeiträge schließen wir aus.

 

 

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Fortschritt und Aufklärung

„Man darf nur Äpfel essen, die der Baum hergegeben hat und die sich nicht im Gras verstecken.“

Zu Aussagen gehören Aussagende.

Vor 500 Jahren hätte man die Aussagende als Hexe verbrannt.

Vor 200 Jahren hätte man den Aussagenden als gemeingefährlich weggesperrt.

Vor 60 Jahren hätte man die Aussagende therapiert.

Heute wird der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit  verdächtigt, wer die Aussagenden als „Spinner“ bezeichnet.

Grundeinkommen – die Vierte

Bild: wikimedia commons

Bedingungslos? Systemüberwindend? Systemsprengend?

Entgegen den Annahmen ihrer Protagonisten  wirkt die  Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen entsolidarisierend. »Solidarität« ist Folge gemeinsamen Handelns in der Vertretung gemeinsamer Interessen – nicht immaterieller, moralischer  oder kultureller Wert, der Gesellschaften zu Gemeinschaften zusammenschweißt.

Weiterlesen „Grundeinkommen – die Vierte“

Das bedingungslose Grundeinkommen

Vor-Schein des Reichs der Freiheit? Ein ideologiekritischer Versuch

(geschrieben 2009)

Teile:

A: Überlegungen zum Erkenntnis leitenden Interesse

B: Reich der Notwendigkeit – Reich der Freiheit

C: Vom Kopf auf die Füße

A:

Überlegungen zum Erkenntnis leitenden Interesse

Ich stelle diesen Abschnitt voran, weil ich u.a. mit der Frage nach dem Erkenntnis leitenden Interesse (Habermas) politisch-wissenschaftlich sozialisiert wurde. Damit ist die Forderung verbunden, dieses offen zu legen, um kritischen Nachvollzug der Gedankengänge zu erleichtern und einen Zugang zum ideologischen Hintergrund zu ermöglichen,

Die Sicherung der materiellen Existenz der Individuen menschlicher Gesellschaften ist verbunden mit der Notwendigkeit durch gemeinsame Anstrengung (Arbeit) der Umwelt die notwendigen Güter für das Überleben abzuringen: Essen, Kleidung, Schutz vor Witterung durch Behausung.

Im Lauf der geschichtlichen Entwicklung ist durch fortschreitende Arbeitsteilung (Effizienzsteigerung beim Erbringen dieser Anstrengung) die gegenwärtige Gesellschafts- und Wirtschaftsform entstanden, die Kapitalismus genannt wird. Genaueres über die Funktionsweise dieser Gesellschafts- und Wirtschaftsform ist u. a. nachzulesen bei Karl Marx, vorrangig im Hauptwerk „Das Kapital“.

Das Überleben menschlicher Gesellschaften als Ganzes und der ihr angehörenden Individuen ist zwar real anders als durch gemeinsame Anstrengung, gesellschaftlich organisierte Arbeit nicht möglich. Aber: Z. B. die christliche Religion bewahrt teilweise den Traum von einer von dieser Notwendigkeit losgelösten Existenz in der Vorstellung vom Jenseits auf. Im Volksmärchen findet dieser Traum Gestalt im Märchen vom Schlaraffenland. Einzelne Autoren der frühen kommunistischen Literatur entwickeln theoretisch Vorstellungen von Organisations- und Wirtschaftsformen, die geeignet sein könnten diesen Traum in der Wirklichkeit umzusetzen. U. a. Marx klassifiziert die Vorstellung von einem gesellschaftlich realisierbaren Reich der Freiheit, frei von den Zwängen des Reichs der Notwendigkeit, als „utopischen Kommunismus“. 1

B:

Vorwegnahme“ von Elementen des Reichs der Freiheit im Reich der Notwendigkeit

In der Debatte um das bedingungslose Grundeinkommen wird gelegentlich behauptet, diese Forderung rücke – im Unterschied zu anderen Forderungen – das Reich der Freiheit in den Bereich gesellschaftlicher Realisierung. Die Forderung entspräche der Hoffnung der Menschen auf gesellschaftliche Veränderung und damit verbundene Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse und auf einen Zugewinn an persönlicher Freiheit in einem besonders hohen Maß. Dieser Forderung sei also ein besonderes Gewicht zu geben, wenn nicht sogar Vorrang einzuräumen.

Da das kapitalistische System Menschen in Formen der Erwerbsarbeit zwinge, die ihnen nicht gemäß seien, sei die Freiheit vom Zwang zur Erwerbsarbeit ein Zugewinn an Freiheit, der einen Zugewinn an Freiheit für alle Menschen darstellt. Diese Behauptung soll im Folgenden geprüft werden.

Grundlage dieser Behauptung ist ein Verzicht auf jede Form auch nur ansatzweise dialektischen Denkens.2 Auch unter kapitalistischen Bedingungen enthält die individuelle Erwerbsarbeit Elemente von Freiheit:

  1. Die mit der Erwerbsarbeit verbundene materielle Anerkennung hat für die meisten Menschen einen hohen Stellenwert. Ohne Erwerbsarbeit bleibt nämlich im alltäglichen Umgang der Menschen untereinander die Anerkennung für viele Beiträge zum Gemeinwesen weitgehend aus: die Würdigung von Pflegeleistungen in der Familie, Haushaltsführung für eine Familie, soziales Engagement, künstlerisch- kulturelle Leistungen.
  2. Auch unter kapitalistischen Bedingungen gelingt es einer großen Zahl von Menschen, eine Erwerbsarbeit zu finden, die ihren Fähigkeiten, Interessen und Möglichkeiten entspricht, also von ihnen durchaus als Selbstverwirklichung betrachtet wird und auch objektiv als solche betrachtet werden kann.
  3. Sowohl die Gruppe der „Aussteiger“ als auch manche Angehörige freier Berufe, Selbständige und auch KünstlerInnen zeigen, dass immer wieder Menschen (glaubt man Presseberichten: immer mehr Menschen) sich ausdrücklich persönlich gegen materielle Sicherheit entscheiden und ein relativ „armes“ Leben mit einem relativ hohen Grad an persönlicher Freiheit der Einbindung in soziale und materielle Sicherheit vorziehen. Sie legen absolut keinen Wert darauf, bedingungslos abgesichert zu werden. Die Entscheidung „Das will ich machen“ fällt zeitlich vor der Zusage von materieller Sicherheit.
  4. Gerade an Künstlerpersönlichkeiten wird auch deutlich, dass kulturelles Schaffen die Freistellung vom Erwerbszwang nicht braucht, nicht zur Grundlage hat. Wer seine Gedanken in Worte fassen, in Bildern oder Musik ausdrücken will, tut das. Oftmals zwar verbunden mit der Klage, die Erwerbsarbeit raube zuviel Schaffenszeit, aber niemand wird zum Künstler, weil man ihm „bezahlte Freizeit“ gibt.3 Auch dies veranschaulicht den irrigen Denkansatz, die Freistellung vom Erwerbszwang fördere kulturelle Produktion und sei Voraussetzung für eine allseitige Persönlichkeitsentwicklung. Dass Kulturgenuss durch Einschränkung der durch den Erwerb gebundenen Zeit erleichtert wird, ist davon nicht berührt. 4
  5. Auch unter kapitalistischen Bedingungen enthält die Beteiligung an Erwerbsarbeit ein Element von Freiheit, indem sie nämlich unabhängig macht von der Notwendigkeit durch individuelle Anpassung z.B. an Familie, Lebensgefährten die Existenz zu sichern. Insbesondere für die Frauen, deren Lebensführung über lange Zeit vom „Ernährer“ wesentlich bestimmt wurde, stellt die Möglichkeit durch eigene Anstrengung den Lebensunterhalt zu sichern ein nicht zu unterschätzendes Ausmaß an Entscheidungsfreiheit her. [Als ältere Frau, der die Zeiten noch in Erinnerung sind, in denen Frauen bei der Bewerbung belegen mussten, dass ihr Mann nichts gegen eine Erwerbstätigkeit einzuwenden hat, halte ich dieses Freiheitselement keineswegs für unbedeutend.]
  6. Die grundsätzliche Freistellung von gesellschaftlich notwendiger Arbeit bringt keineswegs für alle Menschen einen Zugewinn an Freiheitsräumen, die sie zur Entfaltung aller ihrer individuellen Fähigkeiten nutzen können. Nicht wenige (s.o.) empfinden diese als Verlust an Lebensqualität. In zunehmendem Maß empfinden auch Frauen aus Lebensverhältnissen, die eine Existenz ohne Erwerbsarbeit möglich machen, dies nicht als Bereicherung, sondern als Mangel. Eine – nicht verschwindende – Minderheit von Menschen bezahlt diesen „Zugewinn an Freiheit“ mit Drogenabhängigkeit oder psychosomatischen Erkrankungen (Alkohol, „Mother´s little Helper“, Bulimie, Depressionen …) Es ist ziemlich naiv anzunehmen, diese negativen Folgen würden verschwinden, sobald ausreichend finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt werden. Ich verweise an dieser Stelle ausdrücklich auch auf die teilweise von den Betroffenen als (sehr) deprimierend empfundene Lebenssituation von Frauen, die in Folge ihrer Klassenzugehörigkeit und der damit verbundenen materiellen Saturiertheit keineswegs zu denjenigen gehören, die man als „Leidtragende des Systems“ bezeichnen könnte und denen auf Grund der Klassenzugehörigkeit die Teilnahme am Erwerbsleben verwehrt wird.
  7. Es lohnt sich darüber nachzudenken, warum die Ideologie (und als solche sehe ich sie) von der Freiheit vom Arbeitszwang geboren wurde in einer Zeit, in der das kapitalistische System einen großen Teil von Menschen „von der Arbeit frei stellt“. 5Nicht grundlos haben sich Linke gegen diese beschönigende Redewendung der Kapitalseite aufgelehnt. Wem die Möglichkeit zur Arbeit entzogen wird, der wird nicht in die Freiheit entlassen, sondern er/sie wird der Möglichkeit beraubt, sein/ihr eigenes Leben unter Einbeziehung, Mobilisierung der eigenen Kräfte weitgehend selbst bestimmt zu entwickeln. Zweifel daran, dass die Befreiung vom Arbeitszwang einen Vor-Schein (Geist der Utopie von E. Bloch) des Reichs der Freiheit darstellt, sind durchaus berechtigt. Die Annahme, diese Ideologie habe also auch im Zusammenhang mit dem Thema „Recht auf menschenwürdige Arbeit“ durchaus ihre Vorteile für die Kapitalseite, ist nicht unbegründet.

C.

Vom Kopf auf die Füße

In diesem Abschnitt gehe ich der Frage nach, wie sich die Verfolgung des ideologischen Ansatzes des „bedingungslosen Grundeinkommens“ in der gegenwärtigen politischen Auseinandersetzung, im Rahmen der bestehenden Machtverteilung zwischen Kapital und Arbeit auswirkt, und ob sie zu Recht als besonders „Links“ bezeichnet werden kann im Vergleich zu anderen Lösungsvorschlägen für den Problembereich „Zunehmende Armut und wachsendes Prekariat“.

Es ist hoffentlich – manchmal befallen mich da in letzter Zeit angesichts der Art der Debatte Zweifel – unstrittig, dass das Proletariat nicht allein aus finanziell Ausgegrenzten und von Ausgrenzung bedrohten Menschen besteht, sondern auch aus Menschen, die einer abhängigen Erwerbstätigkeit nachgehen, evt. sogar noch einer leidlich bis gut bezahlten. Wie stellt sich für diese Menschen Erwerbsarbeit dar?

Unter den jetzigen, voll entfalteten kapitalistischen Herrschaftsverhältnissen, ist die umfassende Durchsetzung des Prinzips maximaler Mehrwertschöpfung6 durch die Kapitalseite Ursache für eine ganze Reihe von Erscheinungen im Arbeitsleben, die vom Einzelnen als äußerst übel erlebt werden. Knapp 2 Drittel der Erwerbstätigen arbeiten (noch) in Normalarbeitsverhältnissen. Nicht alle der Menschen in atypischen Beschäftigungsverhältnissen wurden in diese gezwungen oder arbeiten dort unter menschenunwürdigen Bedingungen. Die im Folgenden aufgeführten Veränderungen der Arbeitsbedingungen der Normalarbeitsverhältnisse betreffen auch Teilzeitbeschäftigte.

Zugenommen hat:

  • die psychische und physische Belastung durch Arbeitshetze und Einbettung der menschlichen Arbeit in von automatisierten Prozessen bestimmte Abläufe.
  • die reale wöchentliche Arbeitszeit, in wachsendem Anteil nicht nur ohne besonderen Lohnausgleich der Überstundenbelastung, sondern sogar ohne jeden Lohnausgleich
  • für viele der in Zusammenhang mit der Arbeit anfallende Zeitaufwand für den Weg zur Arbeit

Die zwei Drittel der in Normalarbeitsverhältnissen beschäftigten Lohnabhängigen sind also von Entwicklungen betroffen, die zu Arbeitsbedingungen geführt haben, die nicht nur von immer mehr Menschen als unmenschlich, menschenunwürdig empfunden werden (siehe diverse Studien zum Thema „gute Arbeit“ ), sondern (nachweislich durch Zunahme von Frühverrentungen) auch zu einem vorzeitigen Verschleiß der Arbeitskraft führen.

Die Kapitalseite verfolgt zur Durchsetzung ihres Interesses an maximaler Wertschöpfung eine Doppelstrategie: Während die noch Beschäftigten immer stärkerem Druck ausgesetzt werden, der dazu dient wirklich den letzten Tropfen Arbeitskraft aus ihnen herauszupressen, wird mit Hilfe der „Frei-Gesetzten“ die Angst vor dem Arbeitsplatzverlust erhöht. Verstärkt wird diese Angst vor dem Arbeitsplatzverlust durch die Kürzung sozialer Leistungen, da sowohl bei Verrentung wegen gesundheitlicher Beeinträchtigungen als auch bei Arbeitslosigkeit das Durchrutschen unter die Armutsgrenze sehr schnell erfolgt und, zu Recht, als sehr bedrohlich wahrgenommen wird.

Eine „klassenbewusste“ und nicht allein die subjektive Betroffenheit aufgreifende Strategie der Gegenwehr muss also gegen diese Doppelstrategie wirken und darf nicht dazu beitragen, dass „Arbeitsplatzbesitzer“ gegen „Nicht-Arbeitsplatzbesitzer“ ausgespielt werden. Die oft verwendeten Gegensatzpaare „Gesunde Kranke“, „Junge Alte“ werden z. B. in vielfältigen Abwandlungen für diesen letzteren Zweck von der Kapitalseite nahezu perfekt instrumentalisiert. Mit Bezug auf Arbeitsplatzbesitzer und Nicht-Arbeitsplatzbesitzer bedeutet dies: Wer als „Frei-Gesetzter“ manchen Noch-Arbeitenden das Einkommen neidet und umgekehrt als Beschäftigter den „Frei-Gesetzten“ die menschenwürdige finanzielle Sicherheit z.B. wegen Faulheit und/oder Krankmacherei verweigert, lässt sich – bewusst oder unbewusst – in den Dienst dieser Instrumentalisierung durch die Kapitalseite stellen.7

Es ist also zwingend notwendig eine kurzfristig wirksame Strategie zu entwickeln, die diese Instrumentalisierung nicht zulässt. Dies kann m. E. nur gelingen, wenn in den Mittelpunkt nicht allein die finanzielle Unsicherheit der Arbeitslosen gerückt wird, sondern die unmittelbare Not aller, die dauerhaft oder zeitweise nicht (noch nicht oder nicht mehr) oder nur eingeschränkt erwerbstätig sein dürfen oder können. 8

Hinzu kommt, dass kulturelle Teilhabe für alle Menschen ermöglicht werden muss. Sich damit abzufinden, d.h. bewusst die Arbeit unter den Menschen im Erwerbsalter so zu verteilen, dass sich einige zu Tode arbeiten und die anderen das „Reich der Freiheit“ genießen kann nicht unser Ziel sein. Die alle Menschen verbindende Kernforderung heißt deshalb „Verkürzung der Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich“. Diese Forderung eröffnet den Erwerbstätigen Freiräume für den Genuss der Künste und ermöglicht allen Menschen heute die Teilnahme und zukünftig, dafür wirkt die politische Linke, auch die Teilhabe am gesellschaftlichen Wertschöpfungsprozess. Wer sich jedoch heute dafür stark macht, dass ein Teil der Klasse – bei ausreichender Alimentierung versteht sich – für die Spiele zuständig ist und ein anderer fürs Brot, der arbeitet für die Kapitalseite, denn die Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen wirkt genau aus diesem Grunde ent-solidarisierend. 9

Nach meiner Beobachtung wird die Aufgabe der Zusammenführung der Interessen, die durch individuell unterschiedliche Lebenslagen entstehen, z. T. in den verschiedenen Sozialverbänden und Selbsthilfeorganisationen im Alltag oft besser und effizienter angegangen als von der gegenwärtigen Debatte der Linken um ein bedingungsloses Grundeinkommen. Deren Mitglieder lassen sich eben gerade nicht gegeneinander ausspielen. Ihnen ist in aller Regel die gemeinsame Hilflosigkeit gegenüber den unmenschlichen Auswirkungen des Systems sehr bewusst. Praktisches – überspitztes – Beispiel: Eine Frau, ein Mann, die/der gesundheitlich eingeschränkt ist, und deshalb in die Erwerbslosigkeit gezwungen wurde, erfährt unter Umständen von einem CSU-Mitglied des VdK mehr praktische Solidarität als von einer noch so klassenkämpferischen Arbeitsloseninitiative. Sie/er kann sich im Allgemeinen darauf verlassen, dass im Interesse des „Not – wendigen“ eine optimale individuelle und finanzielle Lösung, evt. am Rande des geltenden Sozialrechts, gesucht wird.

Leistet die Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen, die allein das Merkmal „Erwerbslosigkeit“, d.h. die Altersgruppe zwischen 18 und 65, im Auge hat diese Zusammenführung individuell unterschiedlicher Bedarfslagen? Ich denke „Nein“. Ist diese Forderung geeignet, die unterschiedlichen Gruppen all der Menschen zusammenzuführen, die vom Verkauf ihrer Arbeitskraft leben (müssen)? 10 Erst Recht „Nein“. Und wenn´s noch so „hip“, „in“ ist, oder wie auch immer das Wort aktuell heißt. „Bedingungsloses Grundeinkommen“ in das Zentrum des Forderungskataloges der Partei DIE LINKE zu stellen wäre falsch. Philosophisch-anthropologisch falsch, ideologisch falsch und politisch falsch. 11 Den Wert als Diskussionsbeitrag möchte ich dabei jedoch keineswegs gering schätzen.

Anhang:

Nutzanwendung:

In meinem Diskussionspapier zur Zusammenführung in eine gemeinsame Forderung für alle nicht im Erwerbsleben stehenden Menschen habe ich versucht, einen Ansatz zu finden, der nicht auf der Grundlage eines getrennten Leistungsrechts für Arbeitslose, RentnerInnen und Kranke arbeitet. Ein Fluggi könnte ich mir so vorstellen:

 

Mindestens 1000 € netto für alle!

 

für alle Rentnerinnen und Rentner

(von der Rentenversicherung)

für alle Arbeitslosen,

(von der Arbeitslosenversicherung)

für alle Kranken,

(von der Krankenversicherung)

für alle Beschäftigten.

(vom Arbeitgeber)

DIE LINKE

 

Wär´ doch nett, oder?

1 Das Konzept materieller Gleichheit und gleicher materieller Sicherheit für alle gibt es schon ein bisschen länger als die Kommunisten und Sozialisten. Wer sich z.B. eingehend mit den Gesellschaftskonzepten von Thomas Morus, Tommaso Campanella und Francis Bacon beschäftigt, wird sich übrigens auch sehr schnell der Gefahr bewusst, dass materielle Gleichheit durchaus mit gesellschaftlich-politischer, sozialer Ungleichheit und Unfreiheit bis hin zur Unterdrückung einher gehen kann. Gleichartige materielle Sicherheit muss Folge von Demokratie sein/werden. Der Umkehrschluss ist nicht unbedingt richtig.

2 Allerdings erheben die ErfinderInnen des „bedingungslosen Grundeinkommens“ auch nicht den Anspruch eine materialistisch, marxistisch begründete Forderung zu erheben, sondern nur eine „linke“, eine angeblich „emanzipatorische“. Wie weit es mit dem Begriff der Emanzipation dabei her ist, müsste an anderer Stelle genauer untersucht werden.

3 Die Erschaffung von Salzteigkränzen für die Dekoration von Wohnungstüren ist zweifellos eine sinnvollere Freizeitbeschäftigung als Saufen. Ich beneide diejenigen jedoch nicht, die in ihrem Bekanntenkreis mehrere in dieser Richtung schaffensfreudige Menschen haben. Ich bräuchte einen eigenen Raum um die Strohmäuse, Erntezöpfe, Besenpuppen ohne Beeinträchtigung meiner eigenen Wohnumwelt unterzubringen. Solche Schaffenskraft scheint mir gerade nicht „Volkskunst“ zu sein, sondern eher der vom Kapitalismus, dem Handel mit „kunsthandwerklichem Bedarf“ provozierter Ersatz für originäre künstlerische Produktion. Lesetipp: Walter Benjamin; Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit und viele Texte von Theodor W. Adorno.

4 siehe Seite 5, zweiter Absatz

5 Es sollte schon zum Nachdenken anregen, dass sie nicht in Zeiten erfunden wurde, als fast alle Menschen von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang schlimmste Fronarbeit leisten mussten – ohne Rücksicht auf Alter oder Gesundheitszustand. Mythen sind etwas anderes als philosophische Ausformulierungen über den Menschen.

6 Ob es sich dabei immer um eine im Interesse des kapitalistischen Systems optimierte Mehrwertschöpfung handelt, wird sogar von manchen kapitalistischen Ideologen bezweifelt. Eher handelt es sich um die „chaotische, freie Konkurrenz.“

7 Auch wer als „Junger“ die auskömmliche Rente neidet, als Arbeitender Studierende als Schmarotzer beschimpft, den seit langem als krankheitsanfällig bekannten Kollegen als Drückeberger und Blaumacher qualifiziert, alle sie gehören in diese große Gruppe der „Instrumentalisierten“.

8 Diese Not ist weder im Sozialabbau bedingt noch in der Finanzkrise. Sie ist schlicht Bestandteil des allgemeinen Betriebsrisikos des kapitalistischen Systems. Das weiß sogar Prof. Dr. Sinn.

9 Die Forderung des Liedes „Brot und Rosen“ heißt eben nicht „Rosen für eine Hälfte, Brot für die andere“. Und nur Rosen für alle liefert zwar Rosamunde Pilcher, aber doch nicht eine linke Bewegung. Dass K.E. vor dem Hintergrund der Debatte in den Betrieben zum gleichen Schluss kommt, ist möglicherweise ein Beispiel für die Einheit von Theorie und Praxis, kein Gegenargument.

10 Wenn´s der ideologischen Correctness dient: der „Arbeiterklasse“. Wobei man sehen sollte, dass zu der so definierten Klasse auch kleine Gewerbetreibende, einzeln arbeitende Handwerker, mancher Freiberufler und Künstler gehören, denn ihr Besitz an Produktionsmitteln geht über die unmittelbar zur Verwertung der eigenen Arbeitskraft benötigen Instrumente nicht hinaus, enthält keine Aneignung des von anderen geschaffenen Mehrwerts und führt deshalb in der Regel auch nicht zu überdurchschnittlichem Einkommen.

11 Ganz ohne andere zu beschimpfen, ohne leeres Revolutionsgeschwafel, ohne Ausschlussantrag und (fast) ohne das Vokabular des vorvergangenen Jahrhunderts wird man ja noch die Wahrheit sagen dürfen. Meiner Verbrennung als revisionistische Hexe, meiner Versenkung als sozialdemokratisches U-Boot, meinem Abschuss als elitäre Sau (zur Information: weibliche Schweine heißen Sauen) sehe ich gelassen entgegen.

Jenseits der Erwerbsarbeit?

geschrieben 2009 als Beitrag für ein Heft der „Studienreihe“ des Kurt-Eisner-Vereins, der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Bayern.

tontopfe

Schon auf den Tontopf der Schnurkeramiker wurde zusätzliche Arbeit verwendet, die über das Notwendige hinausgeht: Abdrücke der Schnüre – Dekoration? Hinweis auf den Hersteller?Herkunftsnachweis?In der Verwendung des Blumentopfs als Element eines dekorativen Objekts tritt die NotWendigkeit der Herstellung eines Blumentopfs völlig in den Hintergrund. Über ein Gefäß zu verfügen ist für den Alltag Notwendig.
Ist es Notwendig, dass der Einzelne ein Gefäß besitzt, die Familie, die Sippe?
Sind Paul und Berta Notwendig?

Der Vergleich dieser beiden Ergebnisse menschlicher Tätigkeit verweist darauf, dass es möglich und im gesellschaftlichen und individuellen Leben bedeutsam ist, zwischen NotWendigkeit und Überfluss zu unterscheiden. Im Idealfall wird über die NotWendigkeit
der in einem Produkt vergegenständlichten Arbeit im interpersonalen oder im gesellschaftlichen Diskurs entschieden.

Im gegenwärtig herrschenden kapitalistischen System entscheidet über die Notwendigkeit und Bewertung eines Produkts und der darin vergegenständlichten Arbeit die „Marktgängigkeit“, der realisierbare Geldwert. Weder die Kategorie Sinn noch Bedürfnis oder Bedarf spielen dabei eine Rolle.

zum vollständigen Text

Maulkorb für Prof. Dr. Rolf Verleger?

Bild: Passierpunkt in der Mauer von Bethlehem, gemeinfrei über wikipedia

Vermutlich Anhänger einer weithin bekannten, manchmal auch Torten werfenden Sekte, deren Mitglieder sich jedoch selten namentlich aus der Deckung wagen (siehe Anhang), versuchten wieder einmal einem Kritiker der israelischen Besatzungspolitik wegen seiner „antisemitischen“ Positionen den Mund zu verbieten. So geschehen in Freiburg am 10.November.

Rolf Verleger reagierte mit einem offenen Brief, der u. a. auf den Nachdenkseiten zu finden war. Dieser offene Brief sei auch hier weiterverbreitet. Seine Argumentation erklärt warum manche, darunter auch ich, die Sichtweisen dieser anonym auftretenden Sekte für eine lancierte und gesponserte Kampagne halten, die darauf abzielt, linke Kritiker  aus dem öffentlichen Diskurs zu verdrängen.

Hier der Text:

An: gegen-antisemitismus@stura.uni-freiburg.de
14.11.2016

Sehr geehrte Herren,

Am 10.11. hielt ich im Rahmen des Café Palestine Freiburg in einem Hörsaal der Universität Freiburg einen Vortrag zum Thema „Ist der Einsatz für Menschenrechte in Palästina antisemitisch?“ Vor der Veranstaltung haben Sie per Flugblatt ein Redeverbot für mich an der Universität Freiburg gefordert.
Sie taten das zwanzig Minuten vor Veranstaltungsbeginn, als es noch leer war: Sie, zwei junge Männer, höflich und zurückhaltend, fast schüchtern, verteilten einen knallharten Text, anonym, ohne Namen der Verfasser. (S. Wortlaut im Anhang). Sie warteten aber nicht die Wirkung ab, sondern schauten, dass sie lieber weder unerkannt wegkamen. 
Das hat mich sehr verblüfft. Das ist eigenartiges Verhalten. So als ob der Veranstalterin Frau Dr. Weber oder mir ein Geheimdienst zur Verfügung stünde, der Ihnen schaden könnte.

Ich habe mich gefragt, was Ihre Vorbilder für Ihre Aktivitäten sind.
Eine mögliches Vorbild könnten für Sie die Geschwister Scholl sein: Auch sie wollten ihre Flugblätter gegen Unrecht sprechen lassen, sie wollten laut und deutlich ihre Stimme für Menschlichkeit erheben. Und sie wollten anonym bleiben, weil sie wussten, dass es sonst nicht gut für sie ausgehen würde. 
Daher scheint es mir möglich, dass Sie sich an diesen Helden des Widerstands gegen Unmenschlichkeit orientieren. In diesem Fall könnten Sie auch die Befürchtung haben, dass Sie – wie die Geschwister Scholl – Opfer Ihres Engagements werden könnten: die Scholls wegen ihres Eintretens für die Opfer der Nazis wurden selbst Opfer der Nazis, und Sie könnten vielleicht wegen ihres kompromisslosen Eintretens für Israel den Palästinensern und ihren Freunden zum Opfer fallen. Denn Sie halten diese Leute für mordlustig („mordlustige Antisemiten“ schreiben Sie) und – so befürchten Sie – es droht ein neuer „eliminatorischer“, „mörderischer“, „vernichtungsorientierter Antisemitismus“. So werden Sie vielleicht zu Helden für eine gerechte Sache. Das, so male ich mir aus, ist Ihre Sichtweise: Mich sehen Sie als einen Befürworter des „eliminatorischen Antisemitismus“ und vielleicht auch persönlich als einen mordlustiger Antisemiten: eine Gefahr für Israel und für Sie als Israelfreunde. Sie dagegen warnen und mahnen: Einen solchen potentiell gefährlichen Mann sollte man nicht reden lassen, im Interesse der eigenen Selbsterhaltung.

Das sind ungefähr meine Fantasien darüber, wie Sie sich selbst sehen. Meine eigene Sichtweise von Ihrer Aktivität ist aber eine völlig andere. Das ergibt sich so aus meiner Familiengeschichte. Kennen oder kannten Sie Ihre Großväter? Ich kannte meine nicht. Der eine starb schon 1926 und liegt in Berlin-Weißensee, der andere starb in Auschwitz; wann genau, weiß man nicht. 
Kennen oder kannten Sie Ihre Großmütter? Ich kannte meine nicht. Die eine ging 1942 in Theresienstadt zugrunde, die andere wurde, 42-jährig, direkt nach der Ankunft des Deportationszuges in Estland erschossen, denn sie hatte ihren gelben Stern in Berlin abgemacht, um zur Friseuse zu gehen; daher war sie eine Kriminelle und wurde in Estland in einer Sanddüne verscharrt.
Haben Sie Onkel und Tanten? Mein Vater hatte sieben Geschwister. Das Nazi-Regime überlebten nur er und ein Bruder. 
Hat Ihr Vater eine Tätowierung? Mein Vater hatte eine, nämlich die Auschwitznummer am Arm. Seine erste Frau und ihre gemeinsamen drei Söhne hatten wahrscheinlich keine: Sie kamen in Auschwitz gleich ins Gas. Daher heiratete 1948 mein Vater meine viel jüngere Mutter: Er wollte noch einmal jüdische Kinder haben. So bin ich aufgewachsen, als Kind der Hoffnung und des Neuanfangs.

Was wissen Sie vom Judentum? Uns Kindern haben dies unsere Eltern vermittelt. In der chassidischen Tradition meines Vaters: Gottes Gebote befolgen, in der Hoffnung auf Erlösung und Befreiung. In der deutsch-jüdischen Tradition meiner Mutter: Judentum als Religion der tätigen Moral. In beiden Traditionen sind Juden deswegen Gottes auserwähltes Volk, insofern sie der Welt ein Vorbild an Moral und Gesetzestreue geben sollen und dies auch wollen. Manchmal in meinem Leben bin ich aus den engen Grenzen der Tradition ausgebrochen, aber Ich habe mich auch immer wieder für meine jüdische Gemeinschaft engagiert, habe die Gemeinde Lübeck mitgegründet, war Landesverbandsvorsitzender in Schleswig-Holstein und Delegierter im Zentralrat.

Nichts von meinen jüdischen Werten findet sich wieder im Verhalten der israelischen Regierung. Man hat den Palästinensern ihr Land geraubt, fantasiert sich als ewiges Opfer und leitet daraus die Rechtfertigung ab, Völkerrecht und Menschenrechte außer Kraft zu setzen, völlig außerhalb der jüdischen Tradition. 
Sie wissen vielleicht, dass vor der Auslöschung des europäischen Judentums durch die Nazis und ihre Helfer der Zionismus eine Minderheitenposition im Judentum war. Gegen den Zionismus waren viele Strömungen: die Religiösen, die Bürgerlichen, die sozialistischen Bundisten, die allgemeinen Sozialisten. Wussten Sie dass das einzige jüdische Mitglied im britischen Kabinett 1917, Lord Edwin Montague, strikt gegen die Balfour-Deklaration war? Sind das alles „eliminatorische Antisemiten“, weil sie die Idee eines separaten jüdischen Staates fernab der eigentlichen Heimat der europäischen Juden für eine sehr schlechte Idee hielten? Kennen Sie den Bundisten Marek Edelman, überlebender Anführer des Aufstands im Warschauer Ghetto? Wissen Sie, was er von den Zionisten hielt?
Sie wissen vielleicht auch, dass Ihr unfreiwilliges Vorbild Heidegger (s. unten) seine junge Studentin Hannah Arendt anbetete. Wissen Sie, was diese kluge Frau 1945 über den Schwenk der zionistischen Mehrheit hin zur Unterstützung eines „jüdischen Staates“ geschrieben hat? Sie können es in meinem Buch nachlesen.
Wissen Sie, dass Hannah Arendt, Albert Einstein und andere hellsichtige amerikanische Juden 1948 in einem gemeinsamen Leserbrief an die New York Times dagegen protestierten, dass Menachem Begin, der Kommandeur des Massakers von Deir Yassin, kurz nach diesem Verbrechen die USA besuchte? Sie nannten ihn einen „Terroristen“ und forderten eine Einreiseverbot. 
Montague, Edelman, Arendt, Einstein – nach Ihrer Logik alles Antisemiten!

Und nun können Sie vielleicht meine Sichtweise ansatzweise nachvollziehen: Dass mir junge Leute an der Universität Freiburg das Rederecht nehmen wollen, das erinnert mich fatal daran, was an der Universität Freiburg unter dem Rektorat Heidegger und seinen Nachfolgern vor 80 Jahren geschah: „Juden raus!“ Sie sind in meinen Augen nicht die Geschwister Scholl, weiß Gott nicht. Sondern eher Kinder im Geiste derjenigen, die damals die Universität judenrein machten. 

Vielleicht finden Sie eine neutrale Person außerhalb Ihres Zirkels, die Ihnen erklären kann, dass Sie sich bei mir entschuldigen sollten.
Mit freundlichen, über die Vielfältigkeit des menschlichen Geistes immer noch verwunderten Grüßen

Prof. Dr. Rolf Verleger

Vorsitzender des Bündnis zur Beendigung der israelischen Besatzung, www.bib-jetzt.de