Frieden!

Die enttäuschend geringe Teilnehmerzahl bei der Friedensdemo am 08. Oktober in Berlin 8000 – 10.000 Menschen bei bundesweiter Mobilisierung –  lässt mich Schlimmes vermuten. Könnte es sein, dass nach zwei Weltkriegen  viele Menschen – auch solche, die sich für links halten – Warnzeichen nicht erkennen?  Wer sich in unserer Vorkriegszeit, wie sie Egon Bahr vor Schülern nannte, nicht für den Frieden einsetzt wird sich möglicherweise über Rente und Freihandel keine Gedanken mehr machen müssen.

Schon seit langem gibt es in Deutschland den Geschichtsunterricht nicht mehr, den ich in den 60ern an einem deutschen Gymnasium noch erlebt habe. Geschichte war für uns die Darstellung der Ranken um Daten und Personen, siegreiche oder verlorene, auf jeden Fall verlustreiche Schlachten, das mit dem Atem der Geschichte verbundene An- und Abschwellen von Herrschaftszonen und Reichen, Gebietszuwächsen durch geschickte Ehepolitik von Herrscherhäusern und deren territoriale Ansprüche.

Diese Art des Geschichtsunterrichts, ausgerichtet auf die Vermittlung einiger für die eigene Nation und die Beziehungen zu ihren Nachbarn wichtige „Narrative“ gibt es nicht mehr. Auch keine Übung mehr im Umgang  mit dem „Putzger“, dem  Standard-Geschichtsatlas. Der Name des Lernmittels verweist auf die enge Verbindung von Macht, Herrschaft und Territorium. Alexander, Caesar, Karl und Katharina wurden zu „Großen“, weil das im Atlas farbig hervorgehobene Fleckchen Erde unter ihrer Herrschaft von Jahr zu Jahr, von Sieg zu Sieg größer wurde. Unter ihren unfähigen Nachfolgern wurde es meistens wieder kleiner. Größe und Lage des Fleckchens oder des beherrschten Sammelsuriums von über ganz Europa verteilten Fleckchen veränderten sich ständig und hatten bis zur Französischen Revolution mit „Volk“, Sprache, Kultur und einer damit verbundenen „nationalen Identität“ nichts zu tun. Der Geschichtsatlas half einem dabei, sich die Zuordnungen der Besitzungen zu den Herrscherhäusern zu merken. Die geographischen Namen waren Hilfen für das Auffinden der Herrschaftsbereiche auf der Karte, nicht Namen politischer Strukturen und Einheiten. Über einen sehr langen Zeitraum menschlicher Geschichte  war es weder für Herrscher noch für die Beherrschten wichtig, eine  „Landessprache“ in Wort und Schrift zu können. Der großen Katharina genügte es völlig, dass ihre Schwaben zuverlässig Getreide und Fleisch produzierten. Was wir heute „Integration“ nennen, war für die eingeladenen bäuerlichen Zuwanderer an der Wolga und in der Schwarzmeerregion nicht nötig. Nur wer mit ständig wechselnden Herren gute Geschäfte machen wollte, bemühte sich, deren Sprache zu erlernen, ansonsten war es völlig ausreichend das Idiom zu kennen, das man im eigenen Umkreis verwendete, einem Umkreis der nur für sehr wenige Menschen einen größeren Radius hatte als die an einem Tag zu Fuß  zu bewältigende Distanz.

Dies in aller Kürze zur Einstimmung auf 2 Karten, Momentaufnahmen aus dem Jahr 1912 und der Gegenwart.

Russland 1912

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Russland und seine  Nachbarn aktuell:

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Im Verlauf der letzten hundert Jahre haben Moskauer Herrscher das russische Territorium nicht nur nicht erweitert, sondern durch den Zerfall der Sowjetunion ist aus den nach 1917 entstandenen Volksrepubliken eine ansehnliche Zahl neuer Staaten entstanden, die nur zu geringem Teil noch gute Beziehungen zum früheren Mutterland pflegen. Im Westen, Süden und Osten (Alaska – nicht auf der Karte) grenzt das heutige Rest-Russland fast nur noch an Staaten, in denen Waffensysteme der Vereinigten Staaten stationiert sind, der Führungsmacht von Beistandspakten,  die  eine internationale,  über Atlantik und Pazifik greifende militärische Zusammenarbeit gegen Russland absichern.

In Deutschland lebende sog. Atlantiker betreiben im Widerspruch zur Realität dieses geschichtlichen Wandels eine Propaganda , die das heutige Rest-Russland als Aggressor darstellt und Deutschland und seine östlichen Nachbarn zu potentiellen Opfern russischer Großmachtgelüste erklärt. Dabei ist die Lage genau umgekehrt: In einer fast Hörigkeit zu nennenden Abhängigkeit von der Führungsmacht USA macht sich Deutschland zum Erfüllungsgehilfen amerikanischer Interessen und trägt dazu bei, Europa zum Hauptschlachtfeld eines Krieges zu machen, dessen erklärtes Ziel es ist, sich die Ressourcen Russlands dieseits und jenseits des Ural anzueignen.(Quellen: Texte von Zbigniew Brzezinski, Politikwissenschaftler, 1966–1968 Berater Lyndon B. Johnsons und von 1977 bis 1981 Sicherheitsberater von Jimmy Carter ) Die Weltmacht USA verteidigt nicht Europa vor drohender russischer Unterdrückung, sondern lässt auf europäischem Boden ihren imperialistischen Krieg austragen – auf dem eigenen Territorium höchstens belästigt durch gelegentlich vorbeitreibende radioaktive Wolken der in Europa gefallenen  Bomben, evt. ausgestattet mit nuklearen Sprengköpfen. Mit großer Wahrscheinlichkeit wird es anders als noch im 2. Weltkrieg auf unserem Kontinent auch außerhalb der Ballungsräume keine sicheren Orte mehr geben.

Die Kriegstreiber nutzen die Unkenntnis der jetzt lebenden Generationen hinsichtlich von Kriegen , Kriegswirkungen und Folgen. Es leben nur noch wenige Menschen, die den 2. Weltkrieg in Europa erlebt haben. Bilder der Berichterstattung über aktuelle Militäreinsätze in aller Welt suggerieren, dass aus sicherer Entfernung, von europäischen Bunkern aus, sorgfältig ausgewählte kriegswichtige Ziele mit großer Genauigkeit beschossen werden. Natürlich sind es immer die anderen, die Kinder, Krankenhäuser, Schulen treffen. Nachdem deutsche Truppenkontingente mittlerweile in 17 Ländern stehen, man davon aber fast nichts mitbekommt, scheinen immer mehr Menschen anzunehmen, dass auch im Krieg  der Staat wie gewohnt funktioniert. Im Unterschied zu früheren Kriegen gibt es deshalb in ihrer Wahrnehmung keine Kriegspropaganda, keine eingeschränkte Berichterstattung, und das Parlament kontrolliert die Regierung, so wie es in Demokratien üblich ist. Mit großem Erfolg vermitteln  die „Atlantiker“ den Eindruck, Krieg sei etwas, was uns an unserem Wohnort in der freien, westlichen Welt nicht betrifft, nicht einmal betreffen könne. Dank der überlegenen Waffentechnik unserer freundlichen Schutzmacht  gäbe es Kriege nur noch in weit entfernten Gegenden unter unzivilisierten Menschen zwischen demokratisch defizitären Staaten. Unsere amerikanischen Freunde schützen die dort lebenden Menschen mit Hilfe von Bomben und Raketen, die in einem friedlichen Land  auf den Weg gebracht werden mit Fluggeräten, in denen keiner sitzt. Keine Gefahr! Nicht für uns!

Nein, Frau Nachbarin, nein Herr Nachbar. So ist es nicht. Lassen Sie sich das nicht einreden! Die Raketen und Bomben der Feinde unserer Freunde werden im Kriegsfall nicht in Las Vegas einschlagen, in Detroit oder San Francisco. Sie werden Ramstein treffen, Katterbach, Büchel und die anderen 250 Standorte der Vereinigten Staaten in Deutschland, die Standorte in Bulgarien , Griechenland , Italien , Kosovo , Rumänien , Spanien und Ungarn, natürlich auch die militärischen Einrichtungen unserer atlantischen Bündnispartner von Gibraltar bis zum Nordkap und von Island bis Zypern.

Ob es in Europa nach diesem heraufziehenden Krieg noch Menschen geben wird, die sich an den Wiederaufbau einer Kirche machen, die uns dann erneut sinnbildlich vermitteln soll, dass in überschaubaren Zeiträumen nach einem Krieg alles wieder in den ursprünglichen Zustand gebracht werden kann?

Ich fürchte nein. Sollten  einige von uns überleben: Sie werden unser gutes, altes Europa nicht wiedererkennen.

„Das große Karthago führte drei Kriege. Nach dem ersten war es noch mächtig. Nach dem zweiten war es noch bewohnbar. Nach dem dritten war es nicht mehr aufzufinden.“ Bertolt Brecht,1951

Zur Erinnerung: Meine Heimatstadt am Ende des 2. Weltkriegs:

nuernberg_im_april_1945_14

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