„Querfront!“

eins links, eins rechts und quer

Die zitierte Sentenz von Ernst Jandl hat derzeit Hochkonjunktur im Feuilleton und auf T-Shirts. Auf letzterem begegnete sie mir am vergangenen Wochenende im Rahmen eines Parteitags der LINKEN, seltsamerweise ohne die letzte Zeile. Da bin ich gestolpert.

Während der 3 Lebensjahre, die ich in der Oberstufe eines deutschen Gymnasiums der Typklasse G9 verbrachte, hasste ich die Aufgabenstellung „Interpretation“. Bald 50 Jahre später sehe ich mich genötigt, eine zu verfassen. Anders als „Ottos mops trotzt“ geht „lichtung“ über das Sprachspiel hinaus und verweist auf die Möglichkeit und Notwendigkeit von Unterscheidungen und ihren Grundlagen in einer demokratischen Debatte. Wer die letzte Zeile einfach weglässt, läuft Gefahr der dogmatisierenden Reinkultur eines der beiden Enden oder Pole zu erliegen.

Das Bändchen

Kinder, die auf die Welt kommen, kennen keinen Unterschied zwischen links und rechts. Sie erwerben diese Unterscheidungsfähigkeit   in mehreren Stufen.

a) Sie erkennen, dass sich bei allen Menschen an beiden Seiten des Rumpfs Arme und Beine befinden.

b) Sie bemerken irritierende Eigenschaften der Symmetrie. Steht ihr Freund neben ihnen, befindet sich (meistens) die bevorzugte Hand auf der selben Körperseite wie bei ihnen selbst. Steht der Freund ihnen gegenüber, befindet sich die bevorzugte Hand auf der schräg gegenüberliegenden Seite.

c) Sie nehmen auf, dass die bevorzugte Seite „rechts“ genannt wird, die andere „links“ und bemühen sich, diese Bezeichnungen richtig anzuwenden, wobei sie die Spiegelbildlichkeit immer wieder verunsichert.

d) Zumindest in Deutschland legt die Lehrerin, meistens ist es eine Frau, am erstem Schultag dem Kind ein farbiges Bändchen um das rechte Handgelenk. Über Tage übt das Kind gemeinsam mit den anderen auf Bitten der Lehrerin den linken Arm anzuwinkeln, mit dem rechten Fuß auf den Boden zu stampfen und dergleichen mehr.

e) Nach einiger Zeit, in der das Kind das Bändchen nie abnehmen soll, sitzt „es“. „Es“ ist in diesem Fall die Fähigkeit auf Geheiß jeweils die richtige Extremität in der geforderten Weise zu bewegen.

d) Kindern, die nach einer gewissen Zeit beim Spiel „Grady says“ in dieser Hinsicht keine Fehler mehr machen, wird unterstellt, sie könnten links und rechts sicher unterscheiden.

e) Manche lernen es nie. Eine Freundin, sie ist jetzt etwas über siebzig, sagt als Beifahrerin zu mir „Nach rechts“ , weist aber gleichzeitig mit dem Zeigefinger ihrer rechten Hand nach links und fordert mich auf dorthin abzubiegen. Auf ihre Worte achtet man besser nicht.

f) Vorturner oder Vortänzerinnen wenden aus guten Gründen denjenigen den Rücken zu, die ihre Bewegungen nachmachen sollen. Es ist viel langwieriger eine Choreographie einzustudieren, wenn man die Bewegungen der Vormachenden erst ins Spiegelbildliche übertragen muss.

Man kann links und rechts verwechseln. Die Zuordnung der Lage von Gegenständen zu den beiden Gegenden links und rechts der Spiegelachse des menschlichen Körpers ist eine gesellschaftliche Übereinkunft. Maßgeblich für die richtige Verwendung der beiden Wörter „links“ und „rechts“ ist die eigene Blickrichtung, bzw. die Bewegungsrichtung wie es auch bei Hinweisen in U- und S-Bahnen zum Ausdruck kommt: „Ausstieg in Fahrtrichtung links“ tönt die Ansage. Ich bekräftige: Links und rechts kann man verwechseln. Es kommt auf die zugrunde liegende Richtung an. Ich beobachte es immer wieder: Manche die „rückwärts fahren“, gehen zunächst zur Tür auf der falschen Seite. Sie müssen überlegen, wo links und rechts ist.

Alles relativ? Nein – alles relational! Nicht velwechsern!

Leute, die keine Argumente brauchen sondern meinen, es reiche eine Meinung zu haben, entscheiden sich zur Zeit gerne im Sinne dessen, was man als „Relativismus“ bezeichnet. Gemeint ist: Bezugssysteme müssten nicht begründet, als gesellschaftliche Übereinkunft definiert und akzeptiert werden. Es genüge mit Bezug auf intransparente, diffuse persönliche Werte irgendetwas als richtig anzunehmen.Wenn ich meine persönliche Einschätzung als links definiere, dann ist sie links. Mitnichten!
Ein bisschen richtiger liegen diejenigen, die annehmen, links und rechts könnten unter Berücksichtigung historisch gewachsener dogmatischer Linien unterschieden werden. Der Körperachse (siehe Abschnitt „Das Bändchen“) entspricht dann, was als „trotzkistische“, „leninistische“, „stalinistische“, „reformistische“ … Traditionslinie gelesen wird. Immerhin ist man zu der Einsicht gelangt, dass es einer Übereinkunft hinsichtlich der Achse bedarf, um überhaupt von links und rechts sprechen zu können.

Mein  an anderer Stelle beschriebener  Ansatz  [ https://meistblog.wordpress.com/2015/08/18/was-ist-fuer-sie-heute-noch-links/ ] zur Definition von links und rechts bezieht sich auf die grundsätzliche Anerkennung der Gleichheit aller Angehörigen der Spezies Mensch. Im hier entwickelten Bild bestimmen  Gleichartigkeit, Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung aller Menschen die Achse der Bewegungs- und/oder Blickrichtung. Sie ist die  Grundlegung aller weiteren, sich daraus ergebenden relationalen Angaben. Die Festlegung dieser Blickrichtung, das beinhaltet das Bild, erfolgt auf der Grundlage der gegenwärtigen  materiellen und historisch-gesellschaftlich empirisch erfassbaren Bedingungen (Produktionsverhältnisse), nicht an mehr oder weniger dogmatischen Traditionslinien. Wer sich entgegen der Bewegungsrichtung in den Waggon stellt, kommt notwendigerweise zu falschen Aussagen über links und rechts, die dann auch als Folgen eines von anderen Interessen geleiteten Bezugssystems  kritisiert werden können. Dabei kann die Kritik auf Visionen getrost verzichten. Auch auf  Wertsetzungen, die sich auf eine angenommene historisch unveränderliche „Natur des Menschen“ beziehen. Die Aussage„Deine Behauptung ist notwendigerweise falsch, denn du stehst verkehrt herum“ kommt weitgehend ohne Metaphysik aus. Mein Gegenüber mag ähnliche, sogar gleiche Worte verwenden, die Lage der Zielangaben, ob links oder rechts, ergibt sich aus einer anderen Bewegungsrichtung.

Der „Querfront-Vorwurf“

Vertreter*innen der Denunziationsmethode „Querfront!“ scheinen sich an einer Art Tabelle entlangzuhangeln, die   Links-rechts-Zuordnungen von Begrifflichkeiten beinhaltet, ohne die Achse in die Betrachtung einzubeziehen. A behauptet: „Antiamerikanismus ist rechts.“ B behauptet „Antiamerikanismus ist links.“ Die Achse, die Grundlage dieser Zuordnung ist, wird von beiden übergangen und es entwickelt sich eine äußerst unergiebige Debatte zur  Begrifflichkeit.

Ist es „Antiamerikanismus“, wenn man nicht die Verdienste der Befreier des Jahres 1945 in den Vordergrund stellt, sondern den aktuellen hegemonialen Anspruch des Bündnispartners?

Ist es „Antisemitismus“, wenn man die Expansionspolitik des Staates Israel kritisiert?

Ist es „Verschwörungstheorie“, wenn man darauf verweist, dass Kriegsanlässe in der Regel erfunden werden?

Achse

Ob die Richtung der Bezugsachse stimmt, fragt keiner. Da man auch immer wieder mal Rechte trifft, die sich hinter eine oder alle drei Aussagen stellen, gilt der Vorwurf als berechtigt. „Wer sich hinter Rechtes stellt, ist rechts. “ Wer trotzdem weiterhin behauptet, links zu sein, ist ein Querfrontler.

So einfach kann spalterisch wirksame Manipulation gelingen. Nur selten begegnen Linke dem Querfront-Vorwurf mit kritischen Rückfragen zu Bezugsachse und Blickrichtung. Sie lassen sich  leicht in eine Ecke drängen, die sie dazu zwingt, sich an Detailfragen zu oberflächlichen Begriffsbildungen abzuarbeiten. Sie erkennen den „Querfront-Vorwurf“ nicht als das, was er ist: Eine wahrscheinlich von interessierter Seite lancierte Kampagne zur Spaltung der Linken, zur Spaltung unter denjenigen, für die eine Bewegungsrichtung  „Steigerung von Gleichheit“ unverzichtbar ist.

 

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