Rassismus – wo fängt er an?

Vorsicht: Das von pixabay heruntergeladene kostenlose Bild  zu diesem Beitrag arbeitet mit bildlichen Rassestereotypen! Ich habe lange überlegt, ob seine Verwendung moralisch vertretbar ist. Das Bild ist unter dem Namen „continents“ veröffentlicht. In welcher Beziehung die verwendeten Stereotype zu den Kontinenten und ihren Bevölkerungen stehen ist unklar. Deshalb nehme ich mal an, seine Verwendung ist gerechtfertigt.

oder

Hätte man Darwins Forschung und Theorieentwicklung vielleicht verbieten müssen?

Das Unterscheiden ist die Mutter jeglicher Wissenschaft. Manche Menschen können allerdings Differenzieren (Unterscheiden) nicht von Diskriminieren (Abwerten, Herabsetzen) unterscheiden.

Fremdes – Andersartiges

Die Fähigkeit Fremdes zu erkennen ist für alle Organismen überlebenswichtig. Es folgt eine angepasste Reaktion: integrieren/assimilieren – vermeiden/flüchten – abwehren/vernichten. Die Wurzel des rassistischen Übels ist nicht das Unterscheiden selbst, sondern die von manchen Menschen eingebildete Notwendigkeit, auf  Fremdes immer mit Abwehr zu reagieren. Diese Reaktion könnte zu früheren Zeiten angemessen gewesen sein, gegenwärtig ist sie es aus meiner Sicht  nicht mehr. Die Menschheit hat es bis heute geschafft, die individuelle Aggression gegenüber dem Fremden in erträglichen Bahnen zu halten. (Absolutes Tötungsverbot, Straftatbestand der Beleidigung… )  Deshalb ist eine gewisse Hoffnung berechtigt, dass wir das auch in den Beziehungen zwischen größeren und größten sozialen Verbänden schaffen werden. Die dazu nötigen Zeiträume sollte man allerdings nicht unterschätzen. Kleinkinder verlernen das „Fremdeln“.   Auch menschliche Gemeinschaften könnten sich eines Tages dazu durchringen, gemeinsam den fremden, andersartigen Gruppen mit freundlicher Neugier zu begegnen statt mit automatischer Abwehr und Feindseligkeit. Gelegentliches Scheitern des Bemühens kann allerdings, genauso wie bei Individuen, nicht völlig ausgeschlossen werden. Eine Studie hat vor kurzem – nach meiner persönlichen Beobachtung richtig – festgestellt, dass sich in den weltumspannenden sozialen Netzwerke immer Leute zusammenfinden, ballen, die sich gegenseitig ihre Weltsicht bestätigen und gegenüber „Eindringlingen“ und „Abweichlern“ mit Ausschließung reagieren. Das Medium scheint also nichts zur Überwindung des Fremdelns beizutragen.

Merkmal, Wahrnehmung, Urteil

Menschen unterscheiden sich körperlich u. a. in Hautfarbe  und Geschlecht.  Welchen Sinn hätte die Suche nach einem Menschen, ohne eine Angabe zu diesen beiden Punkten, zur Haar- und Augenfarbe, dem Pigmentflecken über der rechten Augenbraue, der hängenden rechten Schulter, der Sprache? Die Kennzeichnung menschlicher Individuen durch Nummern auf Blechmarken im Ohr ist nicht üblich, wird aber möglicherweise insgeheim angestrebt. Sollte irgendwann die Technologie so weit fortgeschritten sein, dass alle mit einem DNA-Scanner umherlaufen, kann man sich das vielleicht sparen. Diese zukünftige Art Individuen zu unterscheiden, könnte aber einen Überwachungsstaat voraussetzen oder zur Folge haben.

Menschen bewerten andere immer – auch nach dem äußeren Erscheinungsbild. Es gibt keine Kommunikation, in der das Gegenüber, seine Mimik, seine Gestik, seine Worte nicht eingeschätzt würden. Lichtenbergs Aphorismus „Gesetzt den Fall, wir würden eines Morgens aufwachen und feststellen, daß plötzlich alle Menschen die gleiche Hautfarbe und den gleichen Glauben haben, wir hätten garantiert bis Mittag neue Vorurteile.“ nimmt Bezug auf eine allen Menschen eigene Gewohnheit, möglicherweise sogar eine Notwendigkeit.Als Lichtenberg seine Eintragungen in die „Sudelbücher“ machte lagen hinter der Menschheit Religionskriege, Nationen  hatten aber noch nicht Gestalt angenommen. Der Aphorismus unterscheidet also zwischen körperlichen Merkmalen von  Individuen und gesellschaftlich entstandenen Zuweisungen oder Identitäten.

Individuelle Ebene

Das Lernen aus Erfahrung, die Ausarbeitung von „Vor-Urteilen“ hilft die Welt zu strukturieren und in ähnlichen Situationen in der Zukunft schneller und sachgerechter zu entscheiden. Niemand behaupte, er habe keine! Was mich betrifft: Es gibt z. B. einen Typus des Supermarktkunden, vor dem ich nicht gerne zur Kasse gehe. Es sind diese Drängler, die einem nachdrücklich den Einkaufswagen in die Fersen schieben, auf den Füßen wippend an der Kasse stehen oder nervös mit den Fingern auf den Griff des Einkaufswagens klopfen. Ich kann sie nicht leiden. Wenn ich einen schlechten Tag habe, raunze ich sie auch mal an: „Es geht nicht schneller, wenn Sie mir ihren Wagen ins Kreuz rammen!“ oder so. Woran ich sie erkenne, während ich mich zur Kasse bewege, weiß ich nicht. Ich vermeide auf jeden Fall sie im Rücken zu haben, verlangsame lieber meinen Schritt und lasse ihnen bewusst den Vortritt.
Mancher Mann steht auf Blondinen. Na und? So lange er die Brünetten nicht erschlägt oder ihnen gegenüber als Anrede „Hey, Schlampe“ verwendet… . In meinem Bekanntenkreis ist jemand, der mittlerweile mit der 4. Frau verheiratet ist, die ich alle vom Aussehen her nur schwer unterscheiden kann: groß, athletisch, langhaarig, mittel- bis dunkelblond, eher grobe Gesichtszüge. Er hat sich ca. alle 10 Jahre eine „neuere Ausführung“ des gleichen Modells gesucht.Der bevorzugte Phänotypus scheint also, zumindest bei manchen Partnerwahlen, eine große Rolle zu spielen.

Alle Menschen sind farbig?

Die gegenwärtige Soziologie spricht von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, wenn das äußere Erscheinungsbild eines Menschen mit einem gesellschaftlich bestimmten Merkmal wie Nationalität oder Religion verknüpft wird und zum Anstoß wird für eine Kette negativer Zuweisungen, die zu Misstrauen führen, in Feindseligkeit, Aggression und Hass münden , manchmal sogar in gewalttätiges Handeln. Immer häufiger begegnen mir im Kreis der Kämpfer gegen Rassismus Menschen, die in der Wahrnehmung und Benennung unterschiedlicher Phänotypen die Wurzel des Rassismus zu erkennen glauben, die es mit Stumpf und Stiel auszurotten gelte. „Écrasez l´infâme!“ ist die Devise. Ist diese Herangehensweise nützlich in der Auseinandersetzung mit Neonazis, mit der menschenfeindlichen neuen Rechten?

Ich kann doch nicht allen Ernstes behaupten, Europäer, Asiaten und Schwarzafrikaner hätten untereinander keine Ähnlichkeiten, an Hand derer man sie von Menschen anderer Kontinente grob unterscheiden könnte – nur weil manche daraus Rassismus gemacht haben bis hin zu Genoziden und Ethnoziden. Bewohner Nordamerikas waren nicht „farbig“, bevor man nicht Schwarze dorthin verschleppt hat. Es gab Indigene und zugewanderte Europäer. Anfängliches freundliches Interesse schlug zu einem bestimmten Zeitpunkt um in Vernichtung. Auch in Australien. Auch im Fernen Osten. Das Nicht-wahrnehmen-wollen solcher Prozesse wäre geschichtsvergessen. Daraus muss ich aber keine einzige rassistische Maßnahme ableiten, weder Apartheid noch hintere Busreihen in öffentlichen Verkehrsmitteln für Andersartige, die Verweigerung öffentlicher Bildung, das Zurückweisen von Menschen einer bestimmten Sprache an der Tür zum Tanzlokal. Auch der strukturelle Rassismus z. B. in der behördlichen Strafverfolgung ist keine automatische Folge der genauen Bezeichnung der Hautfarbe. Es sei an dieser Stelle der Formulierung von der „normativen Kraft des Faktischen“ klar widersprochen. Individuen und Gesellschaften haben die Möglichkeit, menschenfeindliche Folgen von Unterscheidungen zu verhindern.

Jeder Mensch ist irgendwie „-artig“: eigenartig, fremdartig, einzigartig, andersartig. Müssen Antirassisten wirklich jeglichen Sammelbegriff für „-artiges“ verbieten, um dem menschenverachtenden Treiben einer rassistischen gesellschaftlichen Minderheit ein Ende zu setzen? Wem nützt die Ersetzung unterscheidender Begriffe durch weitgehend inhaltsleere Wörter wie „farbig“ ? Bestanden Black Consciousness Movement und Black Panther Party aus teuflischen Rassisten, weil sie die gemeinsame Hautfarbe zum Anlass der Auflehnung machten? Wenn sie Menschen fragen, die von Farbwahrnehmung eine Ahnung haben, Drucker, Maler, Mediengestalter: „Schwarz und Weiß sind Nichtfarben. Dazwischen liegen unendlich viele, von denen wir manche Gruppen als Rot, Blau und Gelb bezeichnen. Der Begriff Mischfarbe wäre sinnlos ohne die Unterscheidung der Elementarfarben.“

Die politische Bedeutung  des Rassismus-Begriffs

Zur Zeit konzentrieren sich viele auf die Frage des Rassismus, weil die Fähigkeit sich inhaltlich, politisch, historisch mit dem Faschismus und der Rechten auseinanderzusetzen nicht sehr weit verbreitet ist. Rassistische Ängste sind auch Ausdruck, Begleiterscheinung dessen, dass man gegenwärtige ökonomisch-gesellschaftliche Konflikte nicht begreift. Übrigens nicht nur Rassisten nicht begreifen, sondern auch viele Antirassisten gleichermaßen. Wäre der Faschismus menschlicher, demokratischer, erträglicher gewesen, hätte man zur Arbeit in den Lagern allein rückfällige Straftäter, Kommunisten, Sozialdemokraten und Schwule gezwungen und nicht ergänzend noch  Kriterien mit rassischem Bezug erfunden? Ich erinnere an Niemöller: „Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Gewerkschafter. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“

Die vorher im rassistischen Schrifttum angekündigte Vernichtung „minderwertiger“ Menschengruppen, die Gruppen neben den Juden werden gern vergessen, wurde erst möglich, als man die organisierte gesellschaftliche Linke zerschlagen hatte und einen großen Teil ihrer Repräsentanten zumindest mundtot gemacht, wenn nicht sogar getötet hatte. Rassismus allein ist kein hinreichendes Merkmal zur Beschreibung des deutschen und des europäischen Faschismus oder der Rechtsentwicklung und des Neonazismus. Deshalb ist Antirassismus allein auch kein hinreichendes Mittel der Bekämpfung und die anderen Konflikte sind damit noch lange nicht erledigt. Darauf bin ich an anderen Stellen schon öfter eingegangen.

Ziel: Trotz aller Unterschiede aggressionsarm zusammenleben

Wer den Versuch unternimmt, deutlich wahrnehmbare Unterschiede zuzukleistern, ist nicht „tolerant“, sondern hält andere für doof. Manche Menschen neigen zum „Kleistern“. Vielleicht gerade, weil sie nicht tolerant sind: Sie können Unterschiede nicht ertragen. Sie haben Angst ihrem eigenen Aggressionstrieb zu erliegen, sobald sie Unterschiede benennen. Es gibt jedoch immer gleichzeitig Unterschiede und Übereinstimmungen. Sie auszubalancieren  ist gleichermaßen individuelles Vermögen  und – was das Gesellschaftliche betrifft – menschengerechte Politik.

Nachfragen und eine Feststellung

Hätte Darwin anders geforscht, wenn Lichtenberg noch hätte mit ihm reden können? Wüssten wir ohne Darwin heute so viel über die menschliche Evolution, dass wir rassistischer Ideologie Fakten entgegensetzen können und nicht allein Moral? Können Lichtenberg und Darwin, die sog. exakten Wissenschaften, etwas dafür, dass seit langer Zeit manche Menschen sich besser dünken als andere? Wenn man davon erst einmal fest genug überzeugt ist, ist es sicher nicht schwer,  Gründe für die eingebildete Überlegenheit zu  finden.

Egozentrik, Eurozentrik, Theozentrik – Denkweisen von Menschen, die sich auf ihrem Tellerchen gut eingerichtet haben und mit den Zuständen zufrieden sind. Allein die Vorstellung es könne neben ihrem eigenen noch viele andere große und kleine, tiefe und flache Teller geben, verunsichert sie zutiefst. Gerhard Armanski schrieb in der Zeitschrift „Arbeiterstimme“: „Bis heute hat die Menschheit keinen Begriff von sich selbst. Die übergroße Mehrzahl denkt und lebt lokal, allenfalls regional. Es sind nur wenige Prozent, deren Bewusstsein eine globalisierte Welt um- und erfasst.“ Das ist der Sachstand. Wer von woanders kommt ist „fremd“ und potentiell gefährlich, ob Sachse oder Syrer. Und: „Solange w i r genug Öl haben ist alles gut!“ In der Aufforderung „Think global! Act local!“ steckt ein Stück weit Anerkennung dieser Tatsache. Wir, die Menschen, können nicht anders.

 

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