Hände auf die Bettdecke!

Bild: Screenshot eines Ausschnitts des Artikels im Nordbayerischen Kurier vom 20. Mai 2016

Nicht nur meine Lokalzeitung übernahm vom evangelischen Pressedienst in Baden-Württemberg eine Meldung, nach der ein Verwaltungsgericht bestätigte, dass ein 12-jähriger zu Recht die Schule wechseln musste,  weil er durch sein Fehlverhalten die Fünftklässlerin „`in nicht unerheblichem Maße sexuell belästigt und beleidigt und so das Recht auf deren sexuelle Selbstbestimmung und deren Ehrgefühl verletzt‘ habe. Es spiele dabei keine Rolle, dass er sein Verhalten nach eigener Aussage nur  `als Spaß´ angesehen und das später auch gegenüber der Elfjährigen so bezeichnet habe.“

Die Entscheidung des Verwaltungsgerichts ist  zu begrüßen, weil die Entscheidung der Schule anerkannt, bestätigt, wurde. Das könnte die Wahrnehmung  pädagogischen Ermessens durch Schulen stärken.

Was ich weniger gut finde: Warum maßt sich ein Verwaltungsgericht an, die sexuell bezogene Handlungsweise eines Kindes öffentlich mit strafrechtlichen Kategorien zu bewerten? Zu Recht kann in Verfahren, bei denen Kinder betroffen sind oder aussagen, phasenweise die Öffentlichkeit ausgeschlossen werden. Warum wird kindliches Verhalten, dem man pädagogisch Grenzen gesetzt hat, vor einem Verwaltungsgericht an die Öffentlichkeit gezerrt?

Mir ist sofort dieses Lied von Ludwig Hirsch eingefallen: Spuck den Schnuller aus        Welchen Spielraum wollen wir Kindern lassen, die auf dem Weg zu einer selbstbestimmten Sexualität sind? Ich habe mich an die Zeit meiner eigenen Doktorspiele erinnert. Ab welchem Alter soll das Spiel „Windelstriptease“ in den Bereich gerückt werden, der rechtlicher Verfolgung ausgesetzt ist? Machen sich Eltern schwerer Verstöße gegen ihre Fürsorgepflicht schuldig, wenn sie ihren Kindern Freiräume lassen, auch Freiräume für sexuelle Erfahrung? Es geht unter etwa Gleichaltrigen doch nicht um Missbrauch und persönliche Würde, sondern um kindliche Unbefangenheit. Ab welchem Alter  kann oder darf  die nicht mehr unterstellt werden? Ab welchem Alter ist kindliches Verhalten in strafrechtlichen Kategorien zu bewerten? Ein 12-Jähriger, auch ein möglicherweise allgemein verhaltensauffälliger Schüler, ist eines auf keinen Fall: strafmündig. Ganz gleich, was er anstellt.

Was reitet einen evangelischen Pressedienst, dieses Verfahren einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln mit Nennung des Aktenzeichens? Man muss dabei doch davon ausgehen, dass dem so ans Licht der Öffentlichkeit gezerrten Kind an keiner Schule seiner Wohnregion mehr ein glückliches Leben beschieden sein wird. Ein 12-jähriger wird mit dem Label  „Sextäter“ versehen. Wie lange ihn diese Zuschreibung verfolgen wird, in welchem Ausmaß sie seine Entwicklung beeinträchtigen wird, ist nicht absehbar.

Der Bericht lässt mich befürchten, dass wir nicht mehr weit entfernt sind vom Revival einer pädagogischen Praxis in der Kinderhände ans Bettgestell gebunden wurden, um „Schlimmes“ zu verhindern.  Was vor Jahrzehnten als  Befreiung gedacht war, das öffentliche Reden über Sexualität, scheint sich in sein Gegenteil zu verkehren: Das der  Privatsphäre entrissene sexuell bezogene Verhalten selbst von Kindern wird öffentlich durch Hinz und Kunz bewertet. Die  vermeintlichen Täter werden nicht mehr vom Strafgericht zur Rechenschaft gezogen, sondern durch Mobbing und Shitstorms gerichtet.

 

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