Der Arbeits-Teig

Leserbrief zu den veröffentlichten Weisheiten eines gewissen Lars Feld, Eucken-Institut

LB_Feld_Arbeitsteig

Sieg der Aufklärung

Die Vernunft greift um sich, wenn  die Menschen die Mehrheit gewinnen, die fragen bevor sie meinen.

Mer frochd hald so…

Wie unterscheiden  Menschen, die  über sich sagen: „Neger schauen für mich alle gleich aus“, Nordafrikaner, Iraner, Afghaner und dunkelhaarige bayerische Nutzer von Sonnenbänken?

Wie kommt es, dass Frauen, die gerne an Ereignissen mit einem sehr hohen Risiko von Übergriffigkeit alkoholisierter Männer teilnehmen [öffentliche Silvesterfeiern, Volksfeste, Karneval,  Public Viewing von Sportveranstaltungen …] urplötzlich in der Nacht vom 31. 12.2015 auf den 01.01.2016 von geschärftem Wahrnehmungsvermögen befallen werden und massenhaft Anzeige erstatten?

Wie vielen Männern kamen in dieser Nacht Geldbeutel und Handys abhanden, die das lieber unter dem Deckel halten, als zuzugeben, dass sie sich von Männern haben „antanzen“ lassen?

Wo hielten sich zu dem Zeitpunkt „deutschstämmige“ Männer auf?

Woher wissen die vielen Empörerinnen und Empörer, mit und ohne politischen Rang, spätestens am 02. Januar was passiert ist? –  Gemeinhin kann man davon ausgehen, dass 10 Augenzeugen zehn verschiedene Vorgänge berichten und es Zeit braucht, sich ein Bild zu machen, das einigermaßen der Wirklichkeit gerecht wird.

 

 

Integration und Wahlrecht

„Am Ende dürfen die Integrierten auch noch wählen!“ Gesprochen mit einem Unterton der Empörung in einem deutschen Wirtshaus am 03.01.2015. Ich bin schon lange dafür, dass nur  diejenigen wählen dürfen, die integriert sind. Sie erreichen in ihrer Muttersprache das B2-Niveau des europäischen Referenzrahmens (siehe http://www.europaeischer-referenzrahmen.de/),  kennen und achten die Verfassung  und schlagen ihre Frauen nicht.

Einer Hilfe bedürftig …

ist jeder Mensch, immer, oft, manchmal, in bestimmten Situationen.

Mensch A: 

ist nicht fähig seine Gliedmaßen kontrolliert zu bewegen und kann ohne fremde Hilfe seine Lage nicht  verändern. A. ist nach allgemeinem Verständnis krank.

Mensch B:

kann im Alter von 6 Jahren noch nicht bis 6 zählen, wenn man eine gewisse Zahl von Gegenständen auf den Tisch legt. Nach allgemeinem Verständnis ist B. behindert.

Mensch C:

kann im Alter von 18 Jahren keine Integrale berechnen. In den Augen seiner Mitschüler und der Unterrichtenden ist er dumm. Die übrigen Menschen sagen: „Kann keine Integrale. Na und?“

Wer bestimmt eigentlich, was eine Krankheit, eine Behinderung oder ein zu vernachlässigendes Unvermögen darstellt?

Ich leide gewaltig unter Höhenangst und kann Rolltreppen, von denen man durch drei Stockwerke schauen kann, nicht benutzen. Auch keine gläsernen Aufzüge entlang der Hausfront, die einem im 15 Stock eine grandiose Aussicht bescheren. Schweißausbrüche und Herzrasen sind nicht angenehm. Ich weiß nicht mehr, wie lange ich gebraucht habe, um im Berliner Hauptbahnhof herauszufinden, wo die Treppenhäuser sind. [ Nicht einmal die Bahnmitarbeiter einschließlich der Bahnpolizei konnten mir dazu eine Auskunft geben.]. Mittlerweile habe ich den Bahnhof oft mit Freunden betreten und  ich habe – verhaltenstherapeutisch gesprochen – mit deren Hilfe gelernt die Reaktion „Schweißausbruch“ zu vermeiden. Andere Rolltreppen, z. B. in der „Galleria“ am Alex oder im „Saturn“, jagen mir immer noch Angst ein, wegen der Schweißausbrüche und des Herzklopfens frage ich jedesmal, wo sich die Fahrstühle befinden.

Auf mehr oder weniger beeinträchtigende Art dürfte jeder Mensch irgendwie „behindert“ sein. Jeder Mensch ist gelegentlich auf die Hilfe anderer angewiesen.  A braucht Pflege. B braucht evt. eine Fachkraft für Heilerziehung, C unterstützende Nachhilfe, vorausgesetzt das Unvermögen Integrale zu bearbeiten wird als hinderliches Manko empfunden und gefährdet die Versetzung.

Viele Menschen können durchaus gängigen Anforderungen oft nicht gerecht werden. Andere können bestimmte Situationen nicht oder nur sehr schwer ertragen und reagieren mit  körperlichen Symptomen: Sitzungen über mehrere Stunden verursachen Kreuz- oder Kopfschmerzen. Das Überschreiten eines gewissen Lärmpegels wird als äußerst unangenehm empfunden. Ärger macht sich breit, weil man einen Fenstergriff nicht erreicht, das Sonderangebot im Regal so hoch steht, dass man hüpfen muss und riskiert alles herunterzureißen oder der „Notaus-Schalter“  nur zu erreichen ist, wenn man sich auf die Zehenspitzen stellt und Arme und Rückgrat so weit wie irgend möglich streckt. Ohne Brille kann man weder die Speisekarte lesen noch beim Autofahren rechtzeitig ein Verkehrsschild. All dies trifft auf mich persönlich zu. Selbst das Zusammentreffen dieser  Erscheinungen führt nicht zur Anerkennung einer Behinderung. Schutz- und hilflos – mit Ausnahme des möglichen Ausgleichs durch eine Sehhilfe – zwingt man mich z. B. auf Parteitagen über Stunden auf einem Stuhl eine Zwangshaltung einzunehmen, die zu Kopf- und Kreuzschmerzen führt.  Auf Weihnachtsmärkten und Silvesterfeiern wird mein Gehör malträtiert. Schalter und Griffe werden nirgendwo niedriger angebracht, denn sonst müssten sich alle Menschen bücken, die ein bisschen länger gewachsen sind.

Alles wäre einfacher,  gingen Menschen mit Menschen einfach menschlich um. Braucht man dafür Aus- und Nachweise? Geht „Hilfe“ nur, wenn sie nachweislich erlernt, qualifiziert, erbracht wird? Was ist eigentlich „100%-ig barrierefrei“? Wer bestimmt eigentlich, was „Barrieren“ sind? Wer bestimmt die Norm, die von Menschen erfüllt werden muss, damit sie als „normal“ gelten? Wer bestimmt, was den „Normalen“ zugemutet werden kann?

Zu diesen Fragen veranlasst hat mich eine schlichte Information: Für Menschen mit Behinderung sind nach einer Festlegung des Parteivorstandes der LINKEN auf Parteitagen Ruheräume bereitzustellen. Warum nur für Menschen mit nachgewiesener Behinderung? Brauchen „Normale“ keine Bewegungspausen, keine Ruhepausen? Wie wird gerechtfertigt, dass man Menschen zu einem 12-16 stündigen sitzenden Aufenthalt in Räumen zwingt, in denen eine ausreichende Sauerstoffzufuhr nicht gewährleistet ist?

Dass einfach „menschlicher Umgang“ hilfreich ist, habe ich vor einigen Monaten erfahren. Eine zuständige Fachkraft der DB brachte zwei Blinde zum Zug. Die im Zug befindlichen Fahrgäste sorgten für Sitzplätze – einfach so. Am Zielbahnhof vernahm ich von meiner Nachbarin: „Ich muss zum Bahnsteig 3. Können sie mir helfen.“ Es ist ebenso menschlich, Hilfe zu erbitten, wie Hilfe zu geben. Warum sollte es ein Verstoß gegen die Menschenwürde sein, wenn man Hilfe erbitten muss? Vielleicht ist Hilfe ohne vorherige Bitte eine Entmündigung.