Melting Pot – Das Problem

Es gibt einen Zweig der Archäologie, der mit der Unterstützung von Genetikerinen die Ausbreitung der Menschen über den Erdball erforscht. Mit den gleichen Methoden kann man belegen, dass Menschen dazu neigen, sich in bestimmten Gegenden zu beheimaten,  über Generationen ihre Partner im Umkreis einer Tageswanderung  suchen. Mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit kann man eine Aussage darüber treffen, ob ein Knochen, den man am Little Bighorn findet, von einem Soldaten stammt, dessen Eltern oder Großeltern aus Melsungen einwanderten oder aus Appenzell. Auch ob es sich um einen Angehörigen der Cheyenne oder der Sioux handelt, lässt sich so klären. Was man mit der Analyse von Genomen herausfinden kann, zeigen amerikanische Krimiserien mit dem Kürzel CSI. Kriminaltechnologen erkennen an ein paar Samen, die in den Reifenrillen eines SUV gefunden wurden, an welchem See das Fahrzeug im Zeitraum der letzten 3-4 Wochen geparkt wurde und mit ein bisschen Glück können sie herausfinden, ob die gefundene Jane Doe eine der Vermissten der letzten 20 Jahre ist. Das ist, was den wissenschaftlichen Teil anbelangt, keine Science Fiction sondern angewandte Wissenschaft. Fiktiv ist nur die Annahme, die kriminaltechnischen Untersuchungslabore  der entwickelten Welt würden tagtäglich mit diesen Mitteln arbeiten.

Von meiner Großmutter ist in der Familie überliefert, sie habe bei ihrer Heirat mit einem Handwerker aus der Kleinstadt auf der anderen Seite des Bergrückens im Osten ihres Heimatdorfs ihre Lieblingskatze vom Hof mitgenommen, damit sie kein Heimweh bekommt. Die meisten Auswanderer aus dem Dorf in dem ich jetzt wohne, in einer Gegend wo es schon immer viel Steine gab und wenig Brot, gingen nach Philadelphia. Irgendwann muss eine mutige Familie dorthin gegangen sein. Wer danach nach Amerika auswanderte, hatte zumindest schon eine Anlaufstelle. Beide Erzählungen sind ohne Zweifel richtig: Menschen, verlassen ihre Heimat, in der Hoffnung es werde woanders besser sein. Menschen beheimaten sich, wenn sie einen Ort gefunden haben, an dem sie leben können. Nach Erzählungen meiner Eltern ist unter meinen Vorfahren mütterlicherseits eine Familie, die wegen ihres protestantischen Glaubens Frankreich verließ und sich zunächst im Ries niederließ. Mein Vater suchte eine Zeit lang auf Sizilien nach Verwandten, weil unter seinen Vorfahren jemand war, der zur Zeit des Eisenbahnbaus im Ruhrgebiet von dort nach da gegangen war – sei es um den Stahl für die Schienen herzustellen, sei es um Gleise zu verlegen.

Es ist ein Recht aller Menschen, den Ort zu verlassen, an dem sie für sich keine Zukunft sehen. Es ist ein Recht aller Menschen, sich dort anzusiedeln, wo sie für sich geeignete, gute Bedingungen vorfinden. Juristisch heißt das Freizügigkeit. Mit der Entwicklung zu Nationalstaaten wurde dieses Recht eingegrenzt. Ein moderner, souveräner Staat kann seinen Bürgerinnen und Bürgern die Ausreise erschweren, sogar verwehren. Ein souveräner Nationalstaat kann um  Zuwanderer werben, Fremden das Heimischwerden erleichtern oder seine Grenzen dicht machen. Zwischen dem individuellen Recht auf Freizügigkeit und dem Recht des Nationalstaats für Zu- und Abwanderung Regeln zu setzen  vermitteln Migrationspolitik, Asylpolitik, Flüchtlingspolitik. Es sei hier eine grobe Unterscheidung der drei Bereiche getroffen: Migrationspolitik betrifft Menschen, die zwischen Staaten wechseln und für sich mit legalen Mitteln bessere Lebensmöglichkeiten anstreben. Asylpolitik betrifft Menschen, die von Regierungen  verfolgt werden oder deren Menschenrechte in ihrer Heimat nicht gesichert sind. Flüchtlingspolitik betrifft Menschen, die sich entgegen ihrem eigenen Streben beheimatet zu bleiben, durch äußere Bedingungen gezwungen sehen, ihr Heim auf Dauer zu verlassen.

Die gegenwärtige in den Leitmedien und von der politischen Prominenz geführte  Debatte in Deutschland umgeht geschickt die Notwendigkeit für alle drei Politikfelder menschengerechte Regelungen zu finden, die  Bedürfnisse und Rechte der Wandernden und der Ansässigen auszugleichen, befriedigend zu regeln. Alle Streitenden, und hier schließe ich die gesellschaftliche Linke nicht aus, werfen die unterschiedlichen Ausgangslagen der betroffenen Menschen in einen Topf. Jeder, der sich berufen fühlt, rührt darin herum. Jeder der vor dem Herd stehenden Köche hält die eigene fixe Idee für den einzig geeigneten Rührlöffel. Die jeweils anderen Rührenden werden mangels Differenzierungsvermögen bezeichnet als  Rassisten, Gutmenschen oder Verräter an was auch immer. Verraten werden, je nach Standort vor dem Topf, z. B.  Nation, Klasse, Interessen, Menschenrechte. Nur eines ist für alle politischen Köche nach meinem Eindruck weitestgehend auszuschließen: das Bestreben Lösungen zu finden, die den Bedürfnissen der betroffenen Geflüchteten,  Zuwanderer, Ansässigen einigermaßen gerecht werden und als tragbare und tragfähige Regelungen einen gewissen demokratisch legitimierten Geltungsanspruch erlangen können.

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