Deutsche Sprache, schwere Sprache – vor allem für Inländer

Meine Tageszeitung zitiert heute unter dem Titel „Facebooks Problem mit Hetze gegen Flüchtlinge“ einen der vielen Facebook-Sätze, die folgende Formulierungen verwenden:

das Pack herauszerren, ´rauswerfen, ´rausschmeißen ….

Schon Karl Kraus machte sich lustig über die deutschnationalen Sprachkönner, die oft das die Richtung anzeigende „heraus“ so verwenden, als stünden sie selbst draußen. Man hätte sie vielleicht nach Urlaubsreisen nicht wieder hereinlassen sollen.

Fast hundert Jahre nach Karl Krausens Kritik ist noch keine Besserung eingetreten. Es ist nicht auszuschließen, dass an deutschen Schulen zu viele Deutschnationale unterrichten, nicht allein Deutsch sondern leider oft auch Geschichte.

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O-Ton eines Experten

Heute besucht Frau Merkel  Heidenau, einen Ort an dem Bewohner  und Neuankömmlinge einer Flüchtlingsunterkunft in den letzten Tagen massiv von der rechten Mitte verängstigt und bedroht wurden.

Für manche vielleicht überraschend. Von einem Fachmann, einem Angehörigen der Bundespolizei, vernahm ich heute beim Einkaufen:

„Heute geht sie hin und waffelt. Was sie ganz bestimmt nicht sagt: dass wir an dem Elend Schuld sind.  Die meisten Flüchtlinge sind Syrer und Afghaner. Wir warns doch, die das alles veranstaltet haben, dass die flüchten müssen.“

Was ist für Sie heute noch „links“?

Das hat heute die SZ folgend einem Essay unter dem Titel „Hilfe, bin ich links?“ von Sebastian Schoepp gefragt.

Weil ich nicht weiß, ob mein Beitrag von der Moderation noch freigegeben wird, sei er auch hier wiedergegeben:

Noch nie habe ich mich anders definiert als „links“. Eher autonom links in der Jugend, sozialdemokratisch links als Wahlkämpferin für Willy Brandt, kommunistisch links in einer Großstadt, deren SPD-Filz einem wirklich das Leben vermiesen konnte, sozialdemokratisch links als Anhängerin des Satzes „Es muss noch etwas anderes geben als Kohl“, zur Zeit links in der „Linken“.
Zu allererst ist links da, wo wenig Macht ist – weder Macht durch persönliche, polizeiliche oder militärische Gewalt noch durch Geld in Mengen, die man als Mensch nicht braucht. Wer wenig mächtig ist, muss seinen Verstand gebrauchen, um einen Teil dessen zu erreichen, was er für not-wendig, die Not wendend, und deshalb für richtig hält. Das Festhalten an Transparenz, Kritik, Aufklärung, demokratischer Willensbildung ist die zweite, gleichermaßen wichtige Säule. Die dritte Säule ist ebenso unerlässlich: ein an Gleichheit orientiertes Bild vom Menschen, das mit Grautönen, mit Individualität umgehen kann, ohne in bipolare Schemata zu verfallen. Eigentlich ganz einfach, „links“ – oder? Zeitweise sind die drei Säulen nicht alle gleich lang, und der Giebel drüber wackelt ein bisschen, aber so ist das Leben.
An parlamentarischen Sitzordnungen, an Unvereinbarkeitsbeschlüssen, Verlautbarungen eines ZK oder umfassender Kenntnis von 100.000 + x bedruckten Seiten aus der Feder sozialistischer Säulenheiliger habe ich den Begriff noch nie festgemacht.

Frigga Haug; Der im Gehen erkundete Weg; Argument Verlag 2015

Auf einem ganz anderen Weg, einem eher unwissenschaftlichen, der weniger vorhandenes Schrifttum nutzt als die Möglichkeiten des eigenen Kopfs, bin ich im Rahmen meiner Überlegungen zu Arbeit und Gleichheit zu einer vergleichbaren politischen Perspektive gekommen wie Frigga Haug mit der von ihr entwickelten „Vier-in-einem-Perspektive“. Als mir diese vor ein paar Jahren in Zusammenhang mit Debatten in meinem politischen Umfeld bekannt wurde war ich begeistert!

Diese Perspektive ermöglichte es mir –  einer Frau, die angesichts der unsäglichen feministischen Debatten der 80er Jahre eine große Distanz entwickelt hatte zur neuen, feministischen Bewegung – mich dem oft „Frauenfragen“ genannten Inhaltsbereich wieder zu nähern. Zwischen 1990 und 2008 hatte ich darum einen wirklich weiten Bogen gemacht.

Mit großem Interesse habe ich deshalb dieses Buch gelesen, in dem eine Meisterin kritischen und dialektischen Denkens für sich selbst und andere ihren Weg als Wissenschaftlerin und politisch Engagierte nachzeichnet, den Weg auf dem sie zu dieser Perspektive gekommen ist. An vielen Stellen habe ich Argumente gefunden, die mir helfen, meine eigene, auf einem ganz anderen Weg gewonnene Einsicht und Ansicht zu untermauern, zu belegen; Argumente, die mir helfen, mich in der Auseinandersetzung mit den sozialistischen Patriarchen, sexistischen Sozialisten, den Verfechtern und Verfechterinnen einer ganz anderen, besonderen weiblichen Natur, den Verfechtern und Verfechterinnen einer Befreiung von notwendiger Arbeit … argumentativ besser zu behaupten.

Danke, Frigga, dass Du diese Arbeit gemacht hast. Lesenswert *****

Multikulti?

Mir gegenüber unterhält sich eine Asiatin mit einem Abwesenden in einer mir fremden Sprache. Mein Nachbar telefoniert gerade auf Türkisch vermutlich mit jemandem in Neukölln. Schräg gegenüber sitzt einer und tauscht sich auf Englisch ebenfalls fernmündlich über irgendein „Projekt“ aus. Ich schweige und schaue aus dem Fenster, eine Randständige der Einheitskultur, in der man selten mit dem Nachbarn spricht, dafür von jedem Ort aus lautstark mit Leuten in 5, 500, 5000 Kilometern Entfernung über Dinge, die andere eigentlich nichts angehen.

Flüchtlinge

Solche und solche – historisch gesehen

„..die Zahl des festgenommenen Schleuser ist auf ein neues Rekordhoch gestiegen“ heißt es in meiner Tageszeitung. In meiner Kindheit hießen die noch Fluchthelfer. Vor allem Ärzte und Ingenieure aber auch Facharbeiter aus Staaten des Warschauer Pakts verließen in Scharen ihre Heimatländer. Sie taten dies oft aus materiellen Gründen und auch unter Aufwendung beträchtlicher finanzieller Mittel, in der Regel verbunden mit einer mehrjährigen finanziellen Verpflichtung gegenüber den Fluchthelfern. Selbstredend wurde unterstellt, sie hätten den Weg in die Freiheit gesucht und nicht den Weg zu einem höheren Lebensstandard. An den Stadträndern wurden neue Siedlungen errichtet mit Tausenden neuer Wohnungen für die Flüchtlinge. Die Einheimischen der ausgebombten Großstädte warteten derweil in ihren mit Teerpappe notdürftig gedeckten Ruinen noch lange auf eine wasserdichte Wohnung. Deshalb wollte sich so recht keine Willkommenskultur entfalten. In Einzelfällen wurden auch kriminelle Brüder und Schwestern mit Steuermitteln freigekauft. Es war nicht schwer sich zu einem politischen Gefangenen zu stilisieren, in einem Land das  privaten, baren Schwarzhandel mit Fremdwährungen, den Handel mit gefälschten Papieren oder Vandalismus gegen öffentliches Eigentum selbst als politische Vergehen bezeichnete. Vergleichbar könnte man heute z. B. inhaftierte Steuerhinterzieher, Bankster oder Hooligans, die auf dem Weg zum Stadion ein Bushäuschen beschädigt haben, als politische Gefangene ansehen.  Vielleicht kommen wir einmal zu einer allgemeinen Durchsetzung neoliberaler Moral. Zumindest in Sachen Steuern und Börsenaufsicht halte ich es nicht für ausgeschlossen, dass jegliche rechtliche Einschränkung hemmungsloser Bereicherung eines Tages als Verstoß gegen das Menschenrecht auf Profit angesehen wird. Älter werdend lernte ich auch dazu, dass sich die Sorge der BRD um das Wohlergehen inhaftierter oder unter Hausarrest stehender Menschen wie Robert Havemann, Wolfgang Harich, Walter Janka, Fritz Raddatz u.a. in sehr engen Grenzen hielt. Aber die wollten ja einen besseren, einen freieren Sozialismus und hätten sich bei uns mit Bohnenkaffee und Bananen statt Demokratie und Gleichheit auch nicht abspeisen lassen. Der gegenwärtige Umgang mit Flüchtlingen lässt mich angesichts dieser Erinnerungen fragen: Warum sind Fluchtgründe nicht mehr akzeptabel, die bis 1990 fraglos anerkannt wurden? Wann wurden die dabei angewandten Mittel illegal? Kann man über das GG rechtmäßig die finanziellen Folgen der Flucht- und Migrationsbewegungen allein den Ländern an der südlichen Peripherie der EU aufbürden? Die wichtigste Frage für mich ist jedoch: In welchem Umfang haben die Industriestaaten der nördlichen Halbkugel die Fluchtgründe durch ihre Politik verschuldet? Zweifellos müssen sich alle Industrieländer einen Anteil zurechnen lassen als Verursacher des Klimawandels, als Vernichter regionaler Wirtschaftskreisläufe, als Helfer bei der politischen Destabilisierung fremder Länder bis hin zu militärischen Eingriffen in und die Herstellung von Bürgerkriegen. „Wer schuld ist, zahlt!- Ohne jedes wenn und aber!“ ist doch hierzulande einer der beliebtesten Sprüche, sehr zum Leidwesen der Versicherungswirtschaft. Unter Anwendung dieses zweifelsfrei und 100% systemkonformen Satzes folgt daraus für Flüchtlinge: Unterbringung, Nahrung, Bildung, medizinische Versorgung, Mobilität etc. auf landesüblichem Niveau für alle  – ohne Prüfung eines Fluchtgrundes – sind als Schadensausgleich angemessen! Die Fluchtgründe haben nämlich nicht die Flüchtlinge zu verantworten, sondern die Verursacher der unerträglich gewordenen Lebensumstände. Vielleicht gehören  die Schleuser gar nicht ins Gefängnis, das ist ein vielleicht moralisch zweifelhaftes aber marktgängiges Angebot wie viele andere. Ziel der Debatte um die Schleuser ist es,  die öffentliche Aufmerksamkeit weg zu lenken von der Unmenschlichkeit der Lebensverhältnisse und der Unmenschlichkeit der Grenzregime,  hin zum im Kern durchaus systemkonformen Geschäft der Schleuser. Wo Grenzen den Austausch von Waren verhindern, gibt es Schmuggler. Wo Grenzen Menschen an der Mobilität hindern, gibt es Schleuser. So einfach ist die allein vom Erwerbsstreben und seinen Risiken bestimmte Welt.