Griechenland reloaded

Fünf Jahre hat es gedauert, bis die Keime der Proteste von 2010 aufgegangen sind und zu einer Mehrheit für eine  politische Alternative geführt haben. Auf einen ähnlichen Erfolg deutscher Linker werden wir noch ein Weilchen warten müssen. Zur Erinnerung und als Denkanstoß für Linke in Deutschland stelle ich einen Text aus dem Jahr 2010  hier ein.

Revolte

Am 07. März 2010 sitzen vor einem PC-Monitor:

Anna-Luise in der Weißenoher Straße, Günther in der Martin-Luther-Straße, Karl-Georg in der Müllnerstraße, Katharina in der Dammstraße, Horst in der Universitätsstraße, Anne in der Karlstraße. Alle sehen sich ein Video an, auf dem zornige Demonstranten in einem fremden Land zu sehen sind. So müssten wir es machen, denken sich alle 6.

Anna-Luise lädt über ihren Mailverteiler ein zu einem revolutionären Treffen im Hinterzimmer des Gasthauses „Zur Sonnne“. Günther lädt zu einem revolutionären Treffen im „Goldenen Anker“. Karl-Georg hat ein Hinterzimmer in der „Kajüte“ reserviert. Gleich ums Eck in der Nähe von Katharinas Wohnung befindet sich der „Goldene Löwe“ mit seinem Hinterzimmer. Horst ruft alle seine FreundInnen in das Hinterzimmer des Wirtshauses „Zum Lamm“. Anne trifft sich mit ihrem Kreis im Hinterzimmer des „ Bürgerkellers“.

Am Abend im Hinterzimmer:

Katharina unter den Ihren: „Ich habe gehört, dass sich Horst mit seinen Kumpels heute im Lamm trifft.“ Karl-Georg unter den seinen: „Ich habe gehört, dass Karl-Georg seine Freunde heute in der Kajüte trifft.“ Horst leitet ein: „Ich weiß, dass sich die von Anna-Luise heute in der Sonne treffen.“

Anne: „Die Gruppe von Katharina trifft sich heute im Löwen.“ Anna-Luise: „Günthers Leute sind heute im Anker“. Günther: „Die Gruppe von Anne trifft sich heute nach meinen Informationen im Bürgerkeller.“

In allen Hinterzimmern werden Sendschreiben an die vermutlich befreundeten Gruppen beschlossen mit einem Terminvorschlag für ein nächstes gemeinsames Treffen. Man verabschiedet sich mit der Feststellung: „Wir sind auf einem guten Weg.“

Am gleichen Abend in Athen:

Demetrio klopft nacheinander bei allen seinen Nachbarn. „Morgen wieder, 11 Uhr, Syntagma.“ – Wassilios klopft bei seinen Nachbarn: „Morgen wieder, 11 Uhr, Syntagma.“ Georgios klopft bei seinen Nachbarn: „Morgen wieder, 11 Uhr Syntagma.“ Andros klopft bei seinen Nachbarn: „Morgen wieder, 11 Uhr Sytagma.“ Am anderen Tag sind es statt 2.000 wie am Vortag jetzt 20.000

Nach 8 Wochen findet in Deutschland das erste gemeinsame Treffen der Gruppen von Katharina, Karl-Georg, Horst, Anne, Anna-Luise und Günther statt. Einer von Kathis Leuten bemängelt, dass bei der Entsendung der vertretenden GenossInnen von Karl-Georg die Quotierung nicht beachtet wurde. Einer von Horsts Leuten bemängelt, dass die Sendschreiben von Annes Gruppe mit einem lilafarbenen Stern verziert sind, statt mit einem roten. Die Vertreterin von Günthers Gruppe weist darauf hin, dass sich unter Horsts Leuten ein reformistisches Gewerkschaftsmitglied befindet. Die Gruppen trennen sich nach 2 Stunden. Zwischen den Leuten von Kathi, Horst und Günther wird vereinbart, dass man bei nächsten Termin die tiefliegenden Differenzen hinsichtlich lilafarbener Sterne, der Beteiligung von Gewerkschaftern und der Berücksichtigung der Quotierung ausräumen wird. Die übrigen sagen nichts, beschließen jedoch jede(r) für sich, dass man am nächsten Chaotentreffen nicht teilnehmen werde.

Am gleichen Abend in Athen:

Diesmal sind wieder Demetrio, Wassilios, Georgios und Andros unterwegs. Hinzugekommen sind Fila, Daphne und Ariadne sowie Stavros, Spiros und Iannis. Der Vorgang ist ähnlich: Alle klopfen bei ihren Nachbarn: „Nicht vergessen – morgen 11 Uhr – Omonia.“ Am nächsten Tag sind es 200.000 statt wie das letzte Mal auf dem Syntagmaplatz nur 20.000.

Nach jetzt 2 Wochen treffen sich in Deutschland die Gruppen von Kathi, Horst und Günther, stellen fest, dass wegen tiefliegender ideologischer Differenzen keine weitere Zusammenarbeit möglich ist, trennen sich und schauen anschließend auf YouTube nach den aufregenden Bildern von der Revolte am Omoniaplatz. „So sollte man es machen!“. Anna-Luise, Günther, Karl-Georg, Katharina, Horst und Anne laden per Mail ein in die Hinterzimmer von „Anker“,  „Löwen“, „Kajüte“,  „Lamm“,  „Sonne“ und „Bürgerkeller“.

Potentielle Aufständische in Deutschland haben keine Nachbarn, kennen nur Hinterzimmer und keine öffentlichen Plätze, träumen davon sich Wasserwerfern und Knüppeln entgegen zu stellen, haben aber Angst, sie könnten sich beim Anklopfen beim Nachbarn die Fingerknöchel bläuen und anschließend die Praxisgebühr zur Verschreibung der Heparinsalbe nicht bezahlen.

 

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