Grenzen religiöser Toleranz

Manchmal muss ich Mitmenschen mit der gebotenen Klarheit darauf hinweisen,  dass  mein Respekt vor ihrer Religiosität kein Freibrief ist für fortgesetzte Missionierungsversuche. Die Religionsfreiheit der Menschenrechtscharta beinhaltet   gleichermaßen Freiheit von Religion wie Freiheit zur Religion. Das zu begreifen fällt  manchen Gläubigen und manchen Freidenkern gleich schwer.

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„Hundert Jahre Revolution“ von Orlando Figes

Untertitel: Russland und das 20. Jahrhundert.

Orlando Figes, ein englischer Historiker, entmythologisiert die Oktoberrevolution und ihre Folgen auf der Grundlage gründlicher historischer Recherche in  Archiven, die nach dem Zerfall der Sowjetunion zugänglich wurden. Das ist nötig und anerkennenswert in einer Welt, in der zunehmend im  Feld der Politik Information, Fakten durch medial vermittelte, manipulativ wirkende Narrative ersetzt werden.

Schwächen:

Anders als in Albert Sobouls Histoire de la Révolution française spielen in Figes´  doch wohl eher verkürzt zu nennenden Darstellung von 90 Jahren Geschichte der Sowjetunion ökonomische, kulturelle, soziale Entwicklungen in den beschriebenen Zeiträumen kaum eine Rolle. Figes´ Darstellung steht in der Tradition bürgerlicher Geschichtsschreibung, die sich auf ideengeschichtliche Aspekte und das  an persönlicher Macht orientierte, oft intrigante, Handeln herausragender Persönlichkeiten konzentriert.

Glücklicherweise unschwer zu erkennen ist der Gegenhorizont, vor dem Figes seine Darstellung und seine Bewertungen entfaltet: die entwickelte kapitalistische, parlamentarische Demokratie als bestmögliche aller Welten. Die kritische Sicht auf  leninistisches Parteiverständnis, Terror, wirtschaftliche Fehleinschätzungen und Weltrevolutionsrethorik  dient unterschwellig der Propaganda für die marktkonforme Demokratie. Weil das eine berechtigt kritisch gesehen wird,  muss jedoch – anders als es Figes suggeriert – der Gegenpol nicht richtig oder politisch erstrebenswert sein.

Trotzdem, vielleicht auch gerade deshalb, lesenswert für alle, die einen Blick haben für die ideologischen Aspekte der Auseinandersetzung zwischen Kapital und Arbeit. Die Art wie Figes die Darstellung der Abfolge misslingender und mit terroristischen Mitteln durchgesetzter Fünfjahrespläne und persönlicher Machtinteressen verschmilzt zu einer `wissenschaftlich´ begründeten Ablehnung politischer Alternativen mit Bezug auf Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit ist ein Beispiel für die Methoden, mit denen die Kapitalseite arbeitet (arbeiten lässt?). Deshalb ist das Buch fast ein Muss für alle Linken, die sich von ihren Gegnern ein besseres und genaueres Bild machen wollen.

Griechische Nacht

Seit einigen Jahren veranstaltet ein örtlicher Verein zu Gunsten der Vereinskasse eine `Griechische Nacht´, will heißen ein Sommerfest mit Gyros, Lamm, Tsatsiki, griechischem Wein und Ouzo. Ich erlebte die `Griechische Nacht´ heuer als bedrückende Ansammlung BLÖD-Zeitungs-lesender Sirtakitänzer und  -Tänzerinnen,  mit peinlichen Scherzen eines sich selbst als solcher verstehenden Entertainers zur Person von Yannis Varoufakis. Ich war kurz davor zu gehen, so unwohl fühlte ich mich in meiner Haut. Fremdschämen brachte mich dazu in einer Pause mit dem Duo `Hellas´ zu sprechen , das mit Buzuki und Keyboard griechische Stimmung verbreitete. „Ich wollte Ihnen sagen: Es gibt diese `Griechische Nacht´ seit einigen Jahren. Von meinem Vater, der bei der Besetzung Kretas bei den Luftlandetruppen war, weiß ich, dass von Deutschen dort schlimme Verbrechen begangen wurden. Ich habe später diese Gegenden oft besucht. Was heute dort passiert ist schlimm. Ich fühle mich deshalb heute abend nicht wohl.“ Wir haben uns, glaube ich, gegenseitig getröstet: eine Deutsche, die von diesem Land ein bisschen mehr kennt als Sonne, Strand und Küche, ein eingebürgerter griechisch-stämmiger Buzukispieler und ein nicht deutsch sprechender griechischer Keyboarder. „Eine 4000 Jahre alte Kultur wird nicht untergehen. Es sind harte Zeiten, aber wir werden sie überstehen.“

Der Buzuki-Spieler sah sich ermutigt, später am Mikrofon ein paar Worte zur Lage am Rande zu sagen. Die unsäglichen Varoufakis-Scherze fanden ein Ende. Es wurde noch ein schöner Abend.

Prophezeien oder Vorhersagen?

Prophezeiung

Fällt Ihnen das auch auf? Wenn ein Jurist auf dem Sesselchen eines Finanzministers über die ökonomische Zukunft spekuliert, ist das für manche Medien eine Voraus- oder Vorhersage. Wenn ein Ökonom, der als Finanzminister  wegen der politischen Macht des Juristen erfolglos blieb, vorhersehbare Folgen der Entscheidungen des Juristen abschätzt, ist das für die WELT eine Prophezeiung.

Zwei Gummibärchen habe ich in der Hand. Zwei nehme ich mir aus der Tüte. Vier werde ich in meinen Mund stecken. Vorhersage oder Prophezeiung?

Der Deutsche Wetterdienst verfolgt auf dem Radarschirm eine Regenfront. Morgen wird es in unserer Gegend mit großer Wahrscheinlichkeit regnen. Vorhersage oder Prophezeiung?

Paul, der Krake, konnte bei der Fußball-WM 2010 mit 8 von 10 richtigen Aussagen über Gewinner und Verlierer beim anstehenden Spiel brillieren. Vorhersage, Prophezeiung oder Bullshit?

Sagen Sie mir bitte nicht, keine Journalistin könne jedes Wort auf die Goldwaage legen. Das wäre ihr Job!

Die Gummibärchen habe ich mir übrigens nicht in den Mund gesteckt. Kein einziges! Ich habe sie meinem Partner in die Hand gegeben. Genau in dem Moment war mir das Leberwurstbrot lieber. Politische Entscheidung könnte man das nennen. Politische Entscheidungen haben etwas mit Interessenlagen und Machtgefügen zu tun.

Politische Entscheidungen können alle Vorausschauen, Vorhersagen, Prophezeiungen über den Haufen werfen. Für mich der wichtigste Grund mich einzumischen.

Die schwäbische Hausfrau, Europas schlechteste Köchin

Zum folgenden Bild hat mich heute das Verarbeiten meiner Johannisbeeren inspiriert.

Wenn mich jemand fragt „Kannst Du mir das Rezept geben?“ sage ich immer: „Ich habe keins.“ Bestehen andere darauf, dass ich doch ruhig weitergeben könne, wie meine Gerichte, Liköre, Marmeladen … entstehen, so ergänze ich: „Ich höre mir Erfahrungen anderer Köche an und lese gerne Kochbücher. Ich schaue mir an und probiere, was so gewachsen ist. Dann entscheide ich, was ich daraus machen will. Ich schneide, raspele, püriere, presse aus oder entsteine, nehme ein paar Geschmackszutaten aus dem Schrank, koche, brutzle, dünste je nach Laune und dann wird´s gegessen. Aufgeschrieben habe ich das noch nie. Wegen Dir werde ich damit nicht anfangen.“
Macht nix. Meistens schmeckt´s, denn ich weiß, wie man das, was gewachsen ist, in ein Gericht verwandelt. Wenn etwas trotzdem misslingt, was sehr selten vorkommt, kann ich es auf den Kompost oder in die Biotonne werfen.

Frau Merkel kennt weder die vorhandenen Rohmaterialien aus Ackerbau und Viehzucht, noch Hilfsmittel wie Gewürze, den Gebrauch zweckmäßiger Werkzeuge oder unterschiedliche Garmethoden. Sie bittet trotzdem zu Tisch und zwingt die anderen den Fraß zu essen, den sie sich ausgedacht hat. Sie verbietet sogar den Speienden, aufzustehen und auf den Kompost zu werfen, was noch auf ihren Tellern liegt.

Europa kann man leider nicht kompostieren und wieder dem Stoffkreislauf zuführen. Man wird sich gegen die Köchin und ihre Küchenhelfer wenden müssen, wenn man anständig essen will.

Drohende Schließung der Frühförderstelle Bayreuth

Erinnert man sich, welch breite Leserbriefdebatte das Thema „ Pavillonschule“ auslöste, wird einem klar: Kinder, denen der Start ins Leben durch geistige oder körperliche Unzulänglichkeiten erschwert wird, haben keine Lobby. Fast gewinnt man den Eindruck, dass entgegen aller wissenschaftlichen Erkenntnisse die vor langer Zeit übliche Kategorie „nicht bildbar“ immer noch nicht überwunden ist. Vor allem noch nicht überwunden ist unter den Politikern, die dafür zu sorgen haben, dass wirklich allen Kindern ein optimaler Start ermöglicht wird. Wie wichtig und erfolgreich Förderung ist, wenn sie rechtzeitig einsetzt, zeigt der Artikel auf.
Wenn Entwicklungsrückstände erst bei der Einschulung wahrgenommen werden, ist es leider oft schon sehr spät, wenn nicht sogar zu spät. Das kann ich aus meiner früheren Erfahrung als Lehrkraft im ersten Schuljahr sagen. Deshalb ist es wichtig zu erkennen, dass Bildung nicht erst mit der Schulpflicht beginnt. Jedes Kind hat von Geburt an einen Anspruch darauf, dass seine Fähigkeiten gefördert, entwickelt werden. In einem reichen Land wie dem unsrigen darf dabei Wirtschaftlichkeit keine Rolle spielen. Wirtschaftlichkeit wird aber zum bestimmenden Faktor, wenn der Bezirk die Kosten für die Bereitstellung von Personal nicht übernimmt, sondern nur tatsächlich geleistete Fördereinheiten.
Auf dieser Grundlage können Einrichtungen wie die Frühförderstelle nicht betrieben werden, Einrichtungen, die Eltern beraten und begleiten können und umfassende therapeutische Maßnahmen anbieten. Es ist schlimm genug, dass frühkindliche Förderung nur eingeschränkt als staatliche Aufgabe angesehen wird und dadurch Kinder ihrer Entwicklungsmöglichkeiten beraubt werden. Umso mehr ist der Bezirk gefordert, das große Engagement eines freien Trägers, seiner Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen finanziell so abzusichern, dass einem möglichst großen Teil der benachteiligten Kinder optimale Förderung zuteil wird.
Buchhalterische Erbsenzählerei wie das Fahnden nach tatsächlich nicht erbrachten Fördereinheiten und eine nachfolgende Kürzung von Mitteln darf nicht sein. Nach der im Artikel zitierten Aussage von Christian Porsch, dem Pressesprecher des Bezirks, wurde diese Festlegung in einer Landesentgeltkommission ausgehandelt. Wenn die Fortsetzung der guten Arbeit einer Fördereinrichtung durch eine solche realitätsferne Vereinbarung in Frage gestellt wird, dann muss diese geändert werden. Mit sofortiger Wirksamkeit muss abweichend von einer solchen Regelung gehandelt werden. Im Interesse der Kinder muss das Angebot finanziert werden, nicht erst die Inanspruchnahme. Nicht alle Eltern sind in der Lage jederzeit dafür zu sorgen, dass ihre Kinder angebotene Termine tatsächlich wahrnehmen können. Dass darunter letztendlich die betroffenen Kinder leiden müssen, ist nicht akzeptabel.
Das Menschenrecht auf Bildung beginnt nicht mit der Einschulung, sondern mit dem ersten Atemzug. Der Bezirk muss im Interesse der Kinder dem Rechnung tragen und die Frühförderstelle in vollem Umfang finanziell zuverlässig dauerhaft absichern.

Stichwort: Sozialdarwinismus

Vor allem die letzten 5 – 10 Min. sollten sich diejenigen genau anhören, die ein ganz genaues Bild vom ungebildeten Neonazi haben. Dieses könnte ihnen den Blick auf den Rassismus der Mitte verstellen.

http://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/zuendfunk/kolumnen-sendungen/generator/warum-unsere-gesellschaft-die-armen-verachtet-100.html