Griechenland und die schwäbische Hausfrau

Am 25. Januar, also vor nicht ganz zwei Wochen, haben die Bewohnerinnen eines europäischen Landes gewählt. Im Land herrscht hohe Arbeitslosigkeit. Das Gesundheitssystem ist zusammengebrochen. Renten wurden um 30 % gekürzt. Ein großer Teil der Bevölkerung ist innerhalb weniger Jahre verarmt.

Unverschämterweise bildet die verantwortungslose Mehrheitspartei binnen von 2 Tagen eine neue Regierung. Ihr Finanzminister, ein international anerkannter Volkswirtschaftler, bereist per businessclass Europa um für eine Politik zu werben, die geeignet ist, den Menschen in diesem Land möglichst schnell zu helfen. Und was passiert?

Ein juristisch vorgebildeter subalterner Buchhalter, Finanzminister der Bundesrepublik Deutschland, verteidigt zwanghaft eine Politik, die diese Zustände in einem Land der EU wesentlich mit verursacht hat, unterstützt von einer breiten Öffentlichkeit aus Mainstream-Journalistinnen,  Leserbriefschreiberinnen, Facebook-Aktivistinnen, die für die angesprochenen Zustände nur Erklärungen finden können unter den gebrächlichen Überschriften „faule Griechen“ oder „über die Verhältnisse gelebt“, Aussagen zu deren Formulierung es wahrlich großer volkswirtschaftlicher Kompetenz bedarf. Der Oberbuchhalter der Nation wird gestützt von einer in Europa und zuhause einflussreichen und anerkannten Kanzlerin, von der überstürzte Handlungen garantiert nicht zu erwarten sind, weil sie von ihrem Ziehvater das Aussitzen gelernt hat und die über eine herausragende  wirtschaftliche Kompetenz verfügt, auf die sie einmal mit Bezug auf eine „schwäbische Hausfrau“ überzeugend verwiesen hat.

Mein Anfang lässt erkennen, dass es mir im Folgenden nicht darum geht einen weiteren Aufguss sachkundiger Beiträge – angefangen bei Heiner Flassbeck über Joseph E. Stiglitz zu Axel Troost und anderen Makroökonomen/Volkswirtschaftlern –  herzustellen. Ich nehme die Position der schwäbischen Hausfrau ein, die von unserer Kanzlerin so sehr geschätzt wird und frage. Fragen zu dem, was für Gewissheit gehalten wird, sind ureigenstes Recht aller Bürgerinnen und der erste Schritt zur Aufklärung.

  1. Was ist von einer Politik zu halten, die trotz verheerender Auswirkungen für die Menschen, unbeirrt daran festhält, dass sie sich auf dem richtigen Weg befindet und nach einem Handlungsmuster verfährt, das der Psychologe Paul Watzlawick in seiner `Anleitung zum Unglücklichsein´ treffend als verfehlte Strategie des `Mehr vom Selben´ beschrieben hat? – Könnte man sich nicht veranlasst sehen, einfach mal über andere Lösungen nachzudenken?
  2. Ist Sparen wirklich die einzig richtige Antwort auf die Feststellung `Das Geld reicht nicht.´? Käme man nicht zu anderen Lösungen, berücksichtigte man auch, dass man genauso gut an der Einnahmeschraube drehen könnte? Ein Nebenjob, Überstunden? Auf staatlicher Ebene könnte das heißen: Durchsetzung von Steuervorschriften, höhere Besteuerung der Leistungsfähigen.
  3. Warum sollte es auf staatlicher Ebene normal sein, dass ein einzelner – die Bundesrepublik Deutschland – lebt wie Bolle auf dem Milchwagen, während Partner in Armut gestürzt werden? Im Regelfall lebt die „schwäbische Hausfrau“ vom Erwerbseinkommen eines anderen, sonst hieße sie nicht Hausfrau, sondern Angestellte, Arbeiterin … . Ihr Lebenstandard wird bestimmt von der Bereitschaft ihres Versorgers umzuverteilen – nicht von eigener Erwerbsarbeit. Faule Hausfrau! Wie das bezogen auf nationale Volkswirtschaften funktioniert, wer da auf wessen Kosten lebt, darüber könnte man mal ernsthaft nachdenken. Es könnte doch auch so sein, dass der angebliche Versorger ohne Ende profitiert von den unbezahlten Dienstleistungen der vermeintlichen Nutznießerin!
  4. Mit wem vergleicht man sich eigentlich? Zum Prinzip der schwäbischen Hausfrau gehört es, dass sie Unterschiede berücksichtigt. Sie würde als Gattin eines Schichtleiters bei Daimler im bezahlten Haus nie auf die Idee kommen, ihrer Reihenhaus-Nachbarin – Gattin des Mitarbeiters in einem Handwerksbetrieb mit einer noch 20 Jahre laufenden Hypothek aufs Haus – gute Ratschläge zu geben, wie die finanziellen Angelegenheiten ihrer Familie zu regeln wären. Sie hätte auch gar nicht die Möglichkeit ihre eigenen Vorstellungen mit Hilfe anderer – koste es was es wolle –  durchzusetzen. Die Bundesrepublik jedoch nimmt für sich in Anspruch, mit Bezug auf den eigenen Erfolg anderen zu diktieren, wie sie ihre Angelegenheiten zu regeln haben.

Wem nützt es, dass diese unsere Regierung sich so verhält? Die Frage ist einfach zu beantworten: Mit Sicherheit den Banken, den internationalen Geldgebern –  auf keinen Fall den Bewohnerinnen Deutschlands und Europas. Wer behauptet, es gäbe keine Alternative ist nur zu faul zum Denken. Die Regierenden tun es nicht. Einer Demokratie angemessen wäre es, würden die Regierten den Regierenden die Aufgabe des Erdenkens von Alternativen abnehmen und ihre Denkergebnisse auf öffentlichen Straßen mitteilen. Sie ziehen es zur Zeit aber vor, in Leipzig und anderswo maulend hinter Spitzendummen herzulaufen.

 

 

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