„Zwischen Amok und Alzheimer“ von Götz Eisenberg

Zum Lesen gereizt hat mich der Untertitel: „Zur Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus“.

Ich nehme an, dass jede Epoche spezifische Formen psychischer Normen und Abweichungen erzeugt.

Die alltäglich zu beobachtenden Raser in SUV auf geteerten Stadtstraßen; Menschen mit Knöpfen im Ohr, die vor sich hinsprechen; Menschen, die während eines geselligen Essens mit Abwesenden sprechen; … Bei allem handelt es sich für mich um Verhaltensweisen, die ich nicht verstehe, die sich mit meinen persönlichen Vorstellungen von menschlichem Zusammenleben nicht vertragen.

Ich erhoffte mir Aufschluss darüber, ob meine Abwehr gegen solche Verhaltensweisen nur eines der Merkmale für das uralte Missverstehen zwischen Jung und Alt ist, oder – wie ich befürchte – ein Hinweis auf neuartige, systembedingte Deformationen dessen,  was ich als menschlich verstehe.

Dazu habe ich einiges erfahren. Empfehlenswert für alle, die einen Sinn für Dialektik haben.

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Nicht die Hälfte des Himmels, die Hälfte der Welt!

Mir wurde heute klar, dass  meine Texte auch ohne ..*innen, …Innen, …_innen oder …xxx  die Geschlechtervielfalt erkennen lassen können. Solange mir aber noch die sprachformalistischen Korinthenkackerinnen in den Organisationen, denen ich angehöre, mein feministisches Leben schwer machen können, werde ich in den von mir erbetenen Texten selbstverständlich die verlangten Sprachungetüme unterbringen, wenn es kein `neutrales´ Wort gibt wie z. B. Personal, Lehrkraft, Arbeitende, Mensch. Von allen anderen erwarte ich nach wie vor, dass sie die Inhalte von Texten erfassen und nicht nur die sieben Worte in drei Zeilen der Metaplan-Kärtchen.

Hungerwanderungen

„Ich kann meine Kinder nicht mehr ernähren“, zitiert der Autor eines dpa-Artikels in meiner Lokalzeitung einen der Menschen, die hierzulande gerne als Wirtschaftsflüchtlinge bezeichnet werden. Schon die vermutlich von der örtlichen Redaktion gesetzte Überschrift „An einem Tag 800 Asylbewerber aus dem Kosovo“ verdiente es, medienkritisch gewürdigt zu werden. Die Aussage bezieht sich selbstverständlich nicht auf das örtliche Erstaufnahmelager, sondern auf die Zahl derer, die in einem ungarischen Dorf an der serbischen Grenze ankommen und ist geeignet fremdenfeindliches Ressentiment zu schüren. Mein heutiger Leserbrief dazu geht weiter wie folgt:

„Dank des emsigen Forschens von Paläoanthropologinnen, Archäologinnen und Historikerinnen wissen wir, dass der Homo Sapiens wie andere Tierarten dazu neigt, sich über lange Strecken zu bewegen, wenn es da, wo er lebt, nicht mehr genug zu essen gibt. Weder den Römern noch den Chinesen haben Zäune und Mauern gegen diese Wanderungen viel geholfen. Auch Israel und den USA werden Mauern und Zäune auf Dauer wenig nützen.

Neu ist nur, dass es der „Homo zu wenig sapiens“ seit den Anfängen kapitalistischen Wirtschaftens geschafft hat, die Ursachen des Hungers selbst zu erzeugen. Das gelingt durch Befriedungsmaßnahmen, Durchsetzung unserer Form der Demokratie mit militärischen Mitteln und durch Landraub. Mit Frieden und Demokratie wurden u. a. Kosovaren, Afghanen, Iraker, Libyer … beglückt. Landraub durch Agrarkonzerne entzieht nicht nur den Bauern in Asien, Afrika und Lateinamerika ihre Lebensgrundlage aus dem Getreide- und Gemüseanbau, sondern auch denen in Mecklenburg-Vorpommern oder der Mark Brandenburg. Man will uns glauben machen, dass wir kein Brot brauchen, sondern nachwachsende Energie und Rohstoffe, im Winter billige Rosen und Erdbeeren, Fleisch und Fleischersatz, Gummi für Autoreifen und Baumwolle für Hemden und Hosen. Keine Veganerin sollte jedoch glauben, dass sie durch den Genuss fleischloser Dosenwürstchen diesem Tun Schranken setzt! Rudolph Steiner, gest. 1925, ist definitiv mit der Vorstellung gescheitert, dass die Welt ein wohnlicherer Ort werde durch das Stricken und Tragen von Wollsocken und das Malen mit pflanzengefärbten Bienenwachskreiden auf handgeschöpftem Papier. Dabei haben seine geistigen Nachfahren überall auf der Welt Schulen ohne rechte Winkel gebaut, durch die Waldorfer Weisheit weht, von Windhoek bis Wernstein.

Ist es unverständlich, dass die hungernden Menschen dorthin gehen wollen, wo die Früchte ihrer Arbeit landen? Dass sie Europa für das Land Kanaan halten, ganz besonders Deutschland? Überall sind deutsche Schiffe unterwegs, mit geliehenem Geld gekauft von griechischen Reedern, weitestgehend von Steuern befreit, unter liberianischer Flagge mit einer philippinischen Besatzung. Wer etwas auf sich hält, leiht sich ein bisschen was, um von HochTief am Amazonas und in Athen Stadien bauen zu lassen. Weltweit verkaufen deutsche Chemiegiganten Nitrophoska und Pestizide an Bauern, die mit traditionellen Methoden von einem Fleckchen Erde ihre Familie ernähren konnten.

Ob sich die Vernunft des Homo Sapiens durchsetzt gegen den Schwachsinn derer, die vorgeblich im Besitz wirtschaftlicher Weisheit sind und als Lakaien der Herrschenden vorhandene Alternativen nicht zur Kenntnis nehmen? Derzeit hungern 805 Mio. Menschen. Sie hungern nicht, weil die Erde nicht genug hervorbringt. Sie hungern nicht, weil sie zu dumm oder zu faul sind zum Säen und zum Ernten, wie Rassisten und Nationalisten behaupten. Sie hungern, weil sich das oberste Prozent der Bevölkerung der Industriestaaten das Recht nimmt, sich an Kaviar satt zu essen statt an Brot. Flüchtlingszelte gehörten eigentlich in die Gärten von Blankenese, auf die Kö, in den Hof des Sony-Centers, den Garten des Kanzleramtes und auf den Rasen vor dem Nato Hauptquartier in Brüssel. Das sind Orte, an denen zuhauf Verantwortliche für das Elend auf ihren Designer-Sesselchen sitzen.“

Griechenland und die schwäbische Hausfrau

Am 25. Januar, also vor nicht ganz zwei Wochen, haben die Bewohnerinnen eines europäischen Landes gewählt. Im Land herrscht hohe Arbeitslosigkeit. Das Gesundheitssystem ist zusammengebrochen. Renten wurden um 30 % gekürzt. Ein großer Teil der Bevölkerung ist innerhalb weniger Jahre verarmt.

Unverschämterweise bildet die verantwortungslose Mehrheitspartei binnen von 2 Tagen eine neue Regierung. Ihr Finanzminister, ein international anerkannter Volkswirtschaftler, bereist per businessclass Europa um für eine Politik zu werben, die geeignet ist, den Menschen in diesem Land möglichst schnell zu helfen. Und was passiert?

Ein juristisch vorgebildeter subalterner Buchhalter, Finanzminister der Bundesrepublik Deutschland, verteidigt zwanghaft eine Politik, die diese Zustände in einem Land der EU wesentlich mit verursacht hat, unterstützt von einer breiten Öffentlichkeit aus Mainstream-Journalistinnen,  Leserbriefschreiberinnen, Facebook-Aktivistinnen, die für die angesprochenen Zustände nur Erklärungen finden können unter den gebrächlichen Überschriften „faule Griechen“ oder „über die Verhältnisse gelebt“, Aussagen zu deren Formulierung es wahrlich großer volkswirtschaftlicher Kompetenz bedarf. Der Oberbuchhalter der Nation wird gestützt von einer in Europa und zuhause einflussreichen und anerkannten Kanzlerin, von der überstürzte Handlungen garantiert nicht zu erwarten sind, weil sie von ihrem Ziehvater das Aussitzen gelernt hat und die über eine herausragende  wirtschaftliche Kompetenz verfügt, auf die sie einmal mit Bezug auf eine „schwäbische Hausfrau“ überzeugend verwiesen hat.

Mein Anfang lässt erkennen, dass es mir im Folgenden nicht darum geht einen weiteren Aufguss sachkundiger Beiträge – angefangen bei Heiner Flassbeck über Joseph E. Stiglitz zu Axel Troost und anderen Makroökonomen/Volkswirtschaftlern –  herzustellen. Ich nehme die Position der schwäbischen Hausfrau ein, die von unserer Kanzlerin so sehr geschätzt wird und frage. Fragen zu dem, was für Gewissheit gehalten wird, sind ureigenstes Recht aller Bürgerinnen und der erste Schritt zur Aufklärung.

  1. Was ist von einer Politik zu halten, die trotz verheerender Auswirkungen für die Menschen, unbeirrt daran festhält, dass sie sich auf dem richtigen Weg befindet und nach einem Handlungsmuster verfährt, das der Psychologe Paul Watzlawick in seiner `Anleitung zum Unglücklichsein´ treffend als verfehlte Strategie des `Mehr vom Selben´ beschrieben hat? – Könnte man sich nicht veranlasst sehen, einfach mal über andere Lösungen nachzudenken?
  2. Ist Sparen wirklich die einzig richtige Antwort auf die Feststellung `Das Geld reicht nicht.´? Käme man nicht zu anderen Lösungen, berücksichtigte man auch, dass man genauso gut an der Einnahmeschraube drehen könnte? Ein Nebenjob, Überstunden? Auf staatlicher Ebene könnte das heißen: Durchsetzung von Steuervorschriften, höhere Besteuerung der Leistungsfähigen.
  3. Warum sollte es auf staatlicher Ebene normal sein, dass ein einzelner – die Bundesrepublik Deutschland – lebt wie Bolle auf dem Milchwagen, während Partner in Armut gestürzt werden? Im Regelfall lebt die „schwäbische Hausfrau“ vom Erwerbseinkommen eines anderen, sonst hieße sie nicht Hausfrau, sondern Angestellte, Arbeiterin … . Ihr Lebenstandard wird bestimmt von der Bereitschaft ihres Versorgers umzuverteilen – nicht von eigener Erwerbsarbeit. Faule Hausfrau! Wie das bezogen auf nationale Volkswirtschaften funktioniert, wer da auf wessen Kosten lebt, darüber könnte man mal ernsthaft nachdenken. Es könnte doch auch so sein, dass der angebliche Versorger ohne Ende profitiert von den unbezahlten Dienstleistungen der vermeintlichen Nutznießerin!
  4. Mit wem vergleicht man sich eigentlich? Zum Prinzip der schwäbischen Hausfrau gehört es, dass sie Unterschiede berücksichtigt. Sie würde als Gattin eines Schichtleiters bei Daimler im bezahlten Haus nie auf die Idee kommen, ihrer Reihenhaus-Nachbarin – Gattin des Mitarbeiters in einem Handwerksbetrieb mit einer noch 20 Jahre laufenden Hypothek aufs Haus – gute Ratschläge zu geben, wie die finanziellen Angelegenheiten ihrer Familie zu regeln wären. Sie hätte auch gar nicht die Möglichkeit ihre eigenen Vorstellungen mit Hilfe anderer – koste es was es wolle –  durchzusetzen. Die Bundesrepublik jedoch nimmt für sich in Anspruch, mit Bezug auf den eigenen Erfolg anderen zu diktieren, wie sie ihre Angelegenheiten zu regeln haben.

Wem nützt es, dass diese unsere Regierung sich so verhält? Die Frage ist einfach zu beantworten: Mit Sicherheit den Banken, den internationalen Geldgebern –  auf keinen Fall den Bewohnerinnen Deutschlands und Europas. Wer behauptet, es gäbe keine Alternative ist nur zu faul zum Denken. Die Regierenden tun es nicht. Einer Demokratie angemessen wäre es, würden die Regierten den Regierenden die Aufgabe des Erdenkens von Alternativen abnehmen und ihre Denkergebnisse auf öffentlichen Straßen mitteilen. Sie ziehen es zur Zeit aber vor, in Leipzig und anderswo maulend hinter Spitzendummen herzulaufen.

 

 

(Bau-)Glück

„Auch unter der Dusche erreichbar zu sein kostet nicht einmal 21 Euro“. [Produkthinweis in der Zeitschrift einer Bausparkasse].

Wer das zu brauchen glaubt, kann mit 45 wählen: den Rest des Lebens als Schäferin zu verbringen oder mehrwöchige Unterbringung im `Meisenkobel´.